Milano-cortina erstickt im streit: boykott-sturm vor der paralympics-eröffnung
Die Paralympics haben noch nicht begonnen, doch das Drama ist längst in vollem Gange. In der Arena von Verona werden heute Abend 46 Fahnen durch die Katakomben getragen – aber keine einzige von einem Athleten. Statt René De Silvestro und Chiara Mazzel zu sehen, schreiten freiwillige Helfer auf, während ukrainische Skifahrer in Cortina ihre Startnummern nähen und russische Speerwürfer mit Hymne und Trikot winken. Das ist kein organisatorischer Ausrutscher. Es ist ein Signal.
Warum die flaggen ohne helden bleiben
Der Internationale Paralympische Komitee (IPC) spricht von „Logistik“. Die Athleten müssen am Samstag um 9.30 Uhr auf die Piste, also bleibt die Nacht vorher tabu. Klingt nachvollziehbar, doch dahinter steckt kalte Kalkulation: Man wollte vermeiden, dass halbe Delegationen fehlen und die Kameras leere Lücken zeigen. Also lieber Volontäre, lieber ein geschickter Schnitt, lieber ein kurzer Twitter-Clip mit Happy-Faces. Die Athleten selbst erfuhren es aus den Medien – einige erst im Bus zur Skipiste.
Die Folge: Die traditionelle Parade mutiert zur Show ohne Protagonisten. Die Zuschauer in Verona bekommen Licht, Musik, Feuerwerk – aber keine Geschichte. Dafür gibt es jetzt eine andere Geschichte, und die ist politisch.

Der boykott rollt – elf nationen stampfen durch den schnee
Ukraine war erste Meldung, dann kamen die Baltischen Staaten, Polen, Finnland, Tschechien, Kroatien, die Niederlande, Kanada und schließlich auch Deutschland. Sie alle bleiben der Eröffnungsfeier fern. Grund: Russen und Belarus dürfen unter eigenem Farbenspiel starten, nicht als neutrale „APC-Athleten“. Das IPC hatte die Regel nach der Olympiade gelockert – ein Satzungsbruch, sagen Kritiker, ein Schritt zur sportlichen Wiedereingliederung, sagt PräsidentAndrew Parsons.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Estlands Sender ERR schaltet ab, wenn die rote Fahne erscheint. Polens TVP blendet eine Erklärung ein. Finnlands Sportministerin Sari Multala twittert: „Sport ist kein Schutzzauber gegen Krieg.“ Die Kette der Proteste wirkt wie ein Dominospiel, das selbst IOC-Chef Thomas Bach in München nervös werden lässt.

Verbotene karten und helme – der kleinkrieg in der kleidung
Wer die Ukraine vertritt, darf nicht einmal seine Heimat auf der Brust zeigen. Ein Trikot mit der Kontur der Krim? Verboten. Ein Helm mit der Aufschrift „Kein Krieg“? Auch verboten – siehe Wladimir Heraskevych, der in Peking disqualifiziert wurde. Das IPC zitiert Regel 6.2: „Keine politischen Symbole.“ Dass russische Athleten unter der Flagge eines Staates laufen, der gerade Raketen auf die Wettkampfstätte ihres Nachbarn abfeuert, erfüllt offenbar nicht den Tatbestand.
Die ukrainische Delegation reagierte mit bitterem Spott: „Wir dürfen unsere Erde nicht auf die Jacke malen, sie aber besetzt vorfinden.“ Die Nationale Paralympische Kommission Kiew lehnte daher jede Fernschaltung ab – keine Video-Grußbotschaft, keine virtuelle Fahne. Stattdessen wird ihre leere Position in der Arena von Verona mitten zwischen den schwenkenden russischen Flaggen stehen. Ein Bild, das sich in die Geschichte der Bewegung brennt.

655 Athleten, 57 länder – rekordzahlen mit schatten
Milano-Cortina hätte das größte Winter-Paralympics-Tableau aller Zeiten werden können. 655 Starter, 78 Medaillenentscheidungen, vier neue Disziplinen. Doch die Zahlen wirken wie leeres Gesteir. Sponsoren ziehen sich zurück, TV-Einschaltquoten brechen ein, und die Tickets für Biathlon und Snowboard liegen teils unverkauft in den Dolomitendörfern. Die Organisatoren rechnen mit einem Minus von mindestens 18 Millionen Euro – ein Betrag, der allein durch den Boykott der Eröffnung entsteht.
Die Athleten selbst versuchen, nicht aufzugeben. René De Silvestro postete ein Foto, wie er nachts um 2.00 Uhr noch seine Ski wachst: „Ich fahre für die Zeit nach dem Krieg.“ Die Botschaft hat 34.000 Likes – mehr als alle offiziellen Kanäle des IPC zusammen. Die Leute wollen echte Geschichten, keine Showdekor-Fahnen.
Der countdown läuft – aber wer schaut noch hin?
Um 20.00 Uhr heute fällt der Startschuss in der Arena von Verona. Die Flamme brennt, die Musiker proben, die Kameras sind scharf. Doch die Spannung frisst sich durchs Programm wie Sauerstoff durch Eisen. Jede Nation, die absagt, hinterlässt ein Loch. Jedes verbotene Symbol erinnert daran, dass Sport ohne Politik ein Märchen ist. Und jeder Volontär, der eine Fahne schwenkt, erinnert daran, dass die Helden woanders sind – auf der Piste, in der Startkabine, im Krieg.
Die Paralympics beginnen also nicht mit einem Feuerwerk, sondern mit einem Fragezeichen. Die Welt schaut auf Cortina – und sieht vor allem eins: Schatten, wo Licht sein sollte.
