Dfb vs. kondom: wie der fc homburg 1988 das sittengesetz brach

10. März 1988, 20 Uhr 12: In Homburg zieht ein Schiedsrichter blank gezogene Trikots aus der Tasche. Grund: Auf der Brust prangt das Wort „London“ – ein Firmenname, der laut DFB die guten Sitten verletzt, weil er auch auf Kondomen steht. Die Saarländer sollen nackt vor die eigenen Fans laufen. Statt sich zu ducken, lässt Präsident Manfred Ommer den Verband vor Gericht ziehen – und gewinnt.

Ein sponsor, der nicht in die schublade passt

Die Geschichte beginnt mit einem Pleitegeier. Brauerei-Partner springt ab, die zweite Bundesliga-Saison 1987/88 droht ohne Hauptsponsor zu starten. Erst im März, Wochen vor Saisonende, rettet ein Nischenhersteller für Babyartikel und Präservative die Kasse: 200 000 DM für ein halbes Jahr – ein Vermögen für den Kleinst-Klub. Der DFB empfindet das als Skandal und beruft sich auf Paragraf 6 der damaligen Werberichtlinie: „Keine Anspielungen auf Sexualität.“

Die Folge: Geisterspiele ohne Werbung, drohende Punktabzüge, Stadionsprecher, die sich lustig machen. „Wer die englische Hauptstadt kennt, weiß, was unter dem schwarzen Balken steckt“, brüllt die Anlage vor dem Spiel gegen Schalke 04. Die Fans skandieren „London, London“, die Fernsehkameras zoomen auf das zensiertere Brustlogo. Der PR-Coup ist perfekt – finanziert vom eigenen Verband.

Christian streich erinnert sich an die tagesschau

Christian streich erinnert sich an die tagesschau

Mittendrin: ein 22-jähriger Mittelfeld-Rascher namens Christian Streich. Heute Freiburg-Coach, damals Querdenker mit Bubikopf. „Auf einmal saß ich in der Tagesschau, weil wir keine Kondom-Werbung machen dürfen. Kurz darauf wieder, weil das Gericht sie erlaubt“, sagt er rückblickend im AudiStarTalk. „Die Firma war hellauf begeistert – der DFB hatte ihnen eine nationale Bühne geschenkt.“

Tatsächlich erreicht Ommer beim Landgericht eine einstweilige Verfügung, fünf Spiele lang darf „London“ offiziell auflaufen. Der DFB zieht nach, kassiert die Erlaubnis wieder – doch die Punkte behält Homburg. Am Ende stehen 38 Punkte, Tabellenplatz 16, Abstieg. Die 100 000-DM-Strafe? Nie bezahlt. Begründung: Wenn Bonn großflächig für Kondome wirbt, um Aids zu bekämpfen, kann der Verband nicht mehr mit „Sittlichkeit“ argumentieren.

Vom tabu zum tv-standard: die braunschweig-vorlage

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Die Pointe: Ohne die Verbohrtheit des DFB wäre „London“ nur ein Name geblieben. Durch das Verbot rutschte der Verein ins Rampenlicht – ganz ähnlich wie 1973 Eintracht Braunschweig, als der DFB Jägermeister aufs Trikot verbot. Auch dort wurde aus Verdikt kostenlose Dauerberichterstattung. Der Liqueur landete in jede Küche, der Kondomhersteller ins Schlafzimmer der Nation. Die Lehre: Je rigider die Moralwächter, desto größer der Medienboom.

Heute ziert „London“ keine zweitklassige Trikotbrust mehr, sondern die Packungen in jedem Drogerieregal. Der FC Homburg spielt in der Regionalliga, Christian Streich trainiert Europa-League-Gegner. Und der DFB? Prüft mittlerweile Sponsoren mit Milliardenumsätzen aus dem Emirates – ohne je wieder das Wort „Sitte“ in den Mund zu nehmen. Manchmal braucht es eben einen kleinen Klub, um einen großen Verein zu erziehen.