Cervelli schläft kaum, italiens baseball-team bläst zum halbfinale gegen venezuela zum angriff
Francisco Cervelli trägt das Azzurro im Herzen, schläft seit zwei Wochen kaum und hat mit den Azzurri gerade die USA aus dem World Baseball Classic gekickt. Jetzt steht der Venezolaner mit italischem Pass im Halbfinale gegen sein Geburtsland – und seine Familienwurzeln liegen in Bitonto.
Cervelli: „nach dem sieg gegen die usa wussten wir, dass wir jeden schlagen können“
Die Nacht von Samstag auf Sonntag war wieder kurz. Drei Stunden vielleicht. Dafür war der Kaffee um 05:30 Uhr im japanischen dugout heiß, der Blick aufs Smartphone kalt: 37 ungelesene Nachrichten aus Caracas, einige mit Herz-Emoji, andere mit Schimpfwörtern. Francisco Cervelli, 40, Headcoach von Italien, lacht trocken. „Das ist mein normaler Modus seit 2009, als ich mich für Italien statt Venezuela entschieden habe. Die Leute verzeihen es dir nie ganz.“
Was er verzeiht, ist seine eigene Schlaflosigkeit. Zwei Wochen hat er kaum die Augen zu, stattdessen line-up-Karten voller Klecks, ein Notizblock voller Zahlen: Slugger Pasquantino soll im 4. Inning klauen? Pitch-Count von Darvish beachten? „Ich lebe in 3-2-Count-Sequenzen“, sagt Cervelli, „jeder At-Bat ist ein Mikro-Krieg.“
Der Krieg begann, als Italien die USA mit 8:5 niederrang – ein Ergebnis, das in MLB-Kreisen für spontane Stille sorgte. „Danach haben wir im Clubhouse nicht gefeiert, wir haben nur geschaut. Jemand sagte: ,Wir sind keine Touristen mehr.' Das war der Moment“, erinnert sich Cervelli. Seitdem spukt in den Köpfen der Squadra Azzurra ein Satz herum: „Why not us?“

Die wurzeln liegen in bitonto, der traum in los angeles 2028
Sein Vater Emanuele kam als Kind mit den Großeltern von Bitonto nach Valencia. Dort wurde Francisco geboren, lernte Baseball auf staubigen Feldern, wo Schlaglöcher wie kleine Krater wirkten. Mit acht sah er Baggio 1994 vergeben, mit 14 sah er sich selbst als Catcher im Telefonbuch unter „Cervelli“ eintragen. „Italien war nie Fremde, es war Sehnsucht“, sagt er.
Diese Sehnsucht machte ihn 2009 zum Verräter in den Augen vieler Venezolaner. In Guadalajara 2017 pfiffen ihn 20 000 Menschen aus, zwei Tage später schlug er den entscheidenden Homerun – und schwieg. „Baseball ist Religion, und Religion kennt keine Nuancen“, sagt er. Nuancen lebt er jetzt: italische Eleganz nach Yankees-Vorbild, Anzug im Flugzeug, Espresso im dugout. „Stil verrät Charakter, Charakter schafft Siege“, sagt Cervelli und zitiert Joe Torre.
Das nächste Ziel ist nicht nur das Halbfinale gegen Venezuela am Dienstag (03:00 MEZ). Es ist Olympia 2028. „Wir wollen Europas Nummer eins werden. Der Classic ist nur ein Checkpoint“, sagt er. Dafür schickt er Scouts durch das College-System der USA, lädt italienische Football-Spieler zum Test-Camp, verhandelt mit dem CONI über ein Nachwuchs-Zentrum in Parma. „Wenn ein Kind morgen fragt: ,Mama, ich will Catcher werden', soll die Antwort nicht mehr sein: ,Was ist das?“
Die Politik hat ihn bereits entdeckt. Nach dem 8:6 gegen Puerto Rico zitierte Ministerpräsidentin Meloni das Team im Parlament; Applaus von Rechts wie von Links. „Sport vereint für 27 Outs, das ist genug“, sagt Cervelli. Dann kommt sein Juve-Ticker: Del Piero schickt ihm Sprachnachrichten, Gattuso soll ihm Karten für das Play-off-Finale besorgen. „Sobald wir hier raus sind, fliege ich nach Turin. Aber erst schlagen wir Venezuela. Und danach schlafe ich vielleicht wieder.“
Die Quote der Buchmacher gibt Italien 4,2 – dieselbe, die vor zwei Wochen gegen die USA stand. Cervelli grinst. „Perfekt. Underdog sein, aber mit Biene im Hirn. So gewinnt man Spiele. Und so verändert man ein Baseball-Land.“
