Blutrote mäntel statt fahnenappell: die mailänder spiele, die niemand feiern will
Die Hymne, die niemand hören wollte, ertönte dreimal. Rot-Blau-Rot flatterte im Wind, während Linn Kazmaier mit verschlossenem Blick die Mütze runterzog. 19 Jahre alt, Silber um den Hals, und trotzdem das Gefühl, die eigentliche Niederlage erst nach dem Rennen kassiert zu haben.
Ein aufstand in trägershorts
Die Skilangläuferin und ihr Guide Florian Baumann drehten sich demonstrativ weg, als Anastasija Bagijan auf das oberste Podest stieg. Kein Selfie, keine Hand aufs Herz, kein Blick zur Tribüne. „Wir haben uns das nicht ausgesucht“, sagte Kazmaier, „aber wir haben uns auch nicht ducken lassen.“
Die Reaktion folgte prompt. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) kündigte „Beweisaufnahmen“ an. Dabei war es gerade das IPC unter Andrew Parsons, das Russlands Vollmitgliedschaft nach 1 452 Tagen Sperre wieder goutierte. Die Begründung: Losgelöst von politischen Verhältnissen sportlich würdigen. Die Realität: Ein Blutbild in knallroten Wintermänteln.

Ukrainerin musste „stop war“-ohrringe ablegen
Während Bagijan im Zielrausch jubelte, zog Oleksandra Kononowa ihre Peace-Söckchen aus. Schmuck mit Friedensbotschaft – verboten. Stattdessen steckte sie sich einen silbernen Anhänger mit der Kontur der Ukraine ins Ohr. Das „O“ in „LOVE“ war ein Karten-Umriss, der an die Grenzen erinnert, die seit 2022 nicht mehr existieren.
„Ich seh rot, wenn ich rot sehe“, sagte Walerij Suschkewitsch, Präsident des ukrainischen Paralympischen Komitees. Für ihn sind die Spiele in Mailand und Cortina „die schlimmsten der Geschichte“. Keine Metapher, keine Übertreibung – für ihn ist jedes russische Gold ein Schlag ins Gesicht der Zivilbevölkerung hinter der Front.

Deutscher boykott mit silberglanz
Die deutsche Delegation verzichtete auf die Eröffnungsfeier in Verona. Stattdessen konzentrierte sich Anna-Lena Forster auf die Piste, raste zur Goldmedaille in der Monoski-Super-Kombi. Die Botschaft: Wir sind hier, um zu sporteln – nicht zu applaudieren, wenn die falsche Flagge weht.
Kazmaier und Baumann riskieren möglicherweise Verwarnungen, doch das kümmert sie wenig. „Wir wollten ein Zeichen setzen, das hält länger als ein Sekundenfoto“, sagte Baumann. Seine Partnerin ergänzt: „Sport verbindet – aber nur, wenn alle dieselbe Startlinie respektieren.“
Die Spiele gehen weiter, die Medaillen werden verteilt, doch der Nachgeschmack bleibt. Blutrote Mäntel auf italienischem Schnee – ein Bild, das sich in die Retina der Sportwelt brennt. Und so sehr sich Parsons auf Regelwerke beruft: Die Athleten schrieben ihre eigenen. Ohne Fanfare, aber mit lautem Schweigen.
