Pogacar rast vom asphalt und schraubt sich trotzdem zum sieg
Tadej Pogacar fuhr sich die Haut vom Knie, wischte das Blut ab – und sprintete drei Stunden später als Erster über die schwarze Zielmatte von Sanremo. Mailand-Sanremo 2025 ist sein Meisterstück geworden, ein Rennen, das die Geschichte des Sports neu schreibt: Wer stürzt, kann trotzdem gewinnen. Wer blutet, kann noch schneller sein.
Der sturz, der alles infrage stellte
Kilometer 266, Kurve bei Imperia. Asphalt nass von Olivenblüten und Abrieb. Pogacar touchiert van Aerts Hinterrad, fliegt, landet auf Schulter und Hüfte. Sekunden liegen er und seine UAE-Kollegen zurück. Das Peloton jagt bereits in Richtung Cipressa, wo normalerweise nur die Besten überleben. Doch Pogacar schließt wieder an, als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt. Kein Wunder, dass auch Mathieu van der Poel später gesteht: „Ich habe gedacht, er ist erledigt.“
Die Cipressa frisst Kraft. Der Poggio frisst Hoffnung. Pidcock klebt sich an Pogacars Rad, van der Poel platzt die Lunge. 5,8 % Steigung, 3,7 km lang – kurz genug für einen Angriff, lang genug für ein Drama. 43 km/h im Bergaufsprint. Wer hier zögert, ist Geschichte.

Sprint der marke „wie zur hölle schafft der das?“
Oberhalb Sanremos beginnt der Promenaden-Sprint. 180 Meter, leicht bergab, Asphalt glänzt wie ein Spiegel. Pidcock startet früh, Pogacar wartet, zögert, schießt dann mit 72 km/h aus dem Windschatten. Die Photo-Finish-Kamera zeigt 4 cm Vorsprung – ein Fahrradreifen ist 2 cm breit. Zwei Reifen plus zwei Zentimeter Triumph. Das ist Mailand-Sanremo 2025.
Für Pogacar ist es der elfte Monument-Sieg, nur Paris-Roubaix fehlt noch in seiner Sammlung. Für die Statistik: Er wurde in den vergangenen vier Jahren Zweiter, Vierter, Fünfter – und nun Erster. „Mein Körper brennt, aber das Herz will mehr“, sagt er mit rissiger Lippe. Teamchef Gianetti summiert: „Er hat uns heute gelehrt, dass Champions nicht fallen, sondern aufrappeln.“
Deutsche Fans blicken nebenbei auf Georg Zimmermann (25.) und Maximilian Schachmann (26.). Beide im Ziel, beide ohne Crash, beide ohne Chance gegen die Übermenschen vorn. Das Rennen war einmal mehr eine Demonstration, dass die großen Geschichten sich um die ganz Großen drehen.
Nächste Woche folgt die „Hölle des Nordens“. Kopfsteinpflaster, Stahl, Schmutz. Pogacar will sie alle. Und wenn er auch dort aufschlägt, wird niemand mehr überrascht sein. Denn der slowische Sprinter mit den aufgeschrabbelten Knien beweist: Ein Sturz ist nur eine Pause, kein Finale.
