Pogačar rast mit gebrochenem rad: sieg bei mailand-sanremo wird zur legende

Tadej Pogačar ist bereits mit einem Bein auf dem Podest, als sein Mechaniker erkennt: Das Hinterdreieck ist verbogen, die Bremsbeläge kratzen am Scheibenrand. 32 Kilometer fehlen bis Via Roma. Er kann nicht mehr absteigen.

Sturz vor der cipressa – und dann die wahrheit

Der Slowene stürzt auf dem welligen Streckenstück vor La Cipressa, jener kurzen, aber tödlichen Rampe, die das Feld in Schachmatt setzt. Er springt sofort wieder auf, zerrt sich das Trikot zurecht, checkt nichts. In Sekundenbruchteilen entscheidet sich, dass er weitersprintet. Er weiß nicht, dass sein UAE-Team Emirates-Colnago Y1Rs ein strukturelles Risiko darstellt.

Bostjan Kavčnik, Chefmechaniker des Teams, packt im slowenischen „Slovenske Novice“ aus: „Das Heck war durchgedrückt, die Bremse leicht verzogen. Bei 90 km/h im Poggio-Abgang kann so etwas fatale Folgen haben.“ Doch Pogačar jagt unbeirrt die Wellenkurven hinunter, kurz hinter ihm Tom Pidcock, der als bester Techniker der Welt gilt – und den Bogen trotzdem nicht halten kann.

Kein boxenstopp, keine angst

Kein boxenstopp, keine angst

„Hätten wir gewusst, wie schlimm es ist, hätten wir ihn zurückgerufen und das Rad getauscht“, sagt Kavčnik. Doch die Funkverbindung bleibt stumm. Was folgt, ist ein Solo der Extraklasse: Pogačar attackiert auf dem Poggio, schleift Van der Poel, Pidcock und Evenepoel mit, sprintet in der Via Roma zum zweiten Mal in Folge zum Sieg – und sein Material hält.

Nach dem Ziel schiebt der Slowene die kaputte Maschine dem Mechaniker zu. Kavčnik schüttelt nur den Kopf. Kratzer im Carbon, ein leichtes Vibrationsspiel in der Kette, nichts, was man auf den ersten Blick sieht. Die Trophäe ist jedoch sicher, und das Rad wandert direkt in Pogačars private Sammlung – ein Exponat, das künftig in seinem Wohnzimmer an die Grenze von Leistung und Zufall erinnert.

Datenblatt der irrsinnstour

Die Zahlen verraten, warum Mailand-Sanremo auch Profis in die Knie zwingt: 299 km, 3.600 Höhenmeter, durchschnittlich 43,3 km/h. Pogačars Sturz passiert bei 58 km/h auf welligem Asphalt. Den Poggio-Abfahrt nimmt er mit 87,4 km/h, laut GPS-Log des Teams. Pidcock verliert hier zwei Meter, die er im Sprint nicht mehr aufholt.

„Ich habe nicht einmal gemerkt, dass etwas klemmte“, sagt Pogačar im Zielinterview. „Aber ich hätte auch nicht gebremst.“ Es klingt wie die nüchterne Feststellung eines Mannes, der physische Grenzen längst als Variable und nicht als Barriere begreift.

Der mythos wächst – und mit ihm die erwartung

Die Kollegen im Fahrerlager sprechen bereits vom „Pogačar-Effekt“: Ein Sturz, ein verbogenes Rad, ein Sprint – und trotzdem der Sieg. Solche Geschichten nähren die Legende eines Fahrers, der scheinbar unabhängig von Logistik, Wetter und Material das Rennen dominiert. Für die Rivalen bedeutet das: Nicht einmal ein Defekt bremst ihn. Für die Fans: Ein neues Kapitel in der Sammlung von Erzählungen, die den Sport erst lebendig machen.

Die Colnago Y1Rs ist jetzt Geschichte. Und Pogačar? Der lässt die Werkstatt prüfen, schwingt sich am Montag wieder auf das Ersatzrad und trainiert weiter Richtung Ardennen. Denn Legendenväter haben keine Pause, nur Termine – und ein nächstes Rennen, das darauf wartet, dass jemand die Grenze von Unmöglichkeit ein Stück weiter schiebt.