Pochettino zählt die stunden: los angeles erwartet ein historisches us-debüt

Mauricio Pochettino schläft kaum. 24 Stunden vor dem ersten Pfiff der US-Boys im Eröffnungsspiel der WM 2026 stapft der Argentinier durch den Mixed-Zone-Tross im SoFi-Stadion, seine Stimme kratzt, seine Augen brennen – und dennoch grüßt er jeden Kameramann beim Vornamen. „Wir sind bereit. Punkt. Mehr gibt es nicht zu sagen“, wirft er in Richtung Kabelanschluss, bevor er sich umdreht und noch nachlegt: „Aber wir werden es genießen. Das ist schließlich unser Turnier.“

Zwei trainer, eine heimatstadt und gegensätzliche weltbilder

Gegenüber steht Gustavo Alfaro, ebenfalls Argentinien, aber eine andere Fußball-DNA. Während Pochettino seine Spieler in den letzten Wochen mit Pressing-Diagrammen und GPS-Daten gefüttert hat, übte Alfaro mit Paraguay Stellungswechsel und ruhende Bälle, bis die Linien schlossen wie eine Reißzwecke. Das Duell ist so ungleich wie zugleich unwiderstehlich: Bielsa-Jünger trifft auf Simeone-Light. Los Angeles wird zur Bühne einer taktischen Auseinandersetzung zwischen zwei Kontinenten und zwei Generationen.

Das Stadion selbst ist ein Monstrum aus Stahl und LED – 70.000 Sitzplätze, jedes Ticket seit Monaten vergriffen. Die NFL-Architekten haben es für Football gebaut, aber am Freitag rollt der runde Ball. Und er rollt schnell. „Wir haben in den Testspielen gegen Senegal und Deutschland gemerkt: Sobald die Fans die Hymne mitsingen, verlieren wir zwei Sekunden Reaktionszeit. Das ist pure Energie“, sagt Pochettino und klatscht sich dabei selbst auf die Oberschenkel, als wolle er die Emotion körperlich festhalten.

Gruppe d: ein korsett aus favoriten und außenseitern

Gruppe d: ein korsett aus favoriten und außenseitern

Australien und die Türkei lauern im Schatten des Giganten-Duells, doch der Trainer schielt nicht einmal auf die Tabelle. „Paraguay zuerst. Dann sehen wir weiter“, sagt er und zerreißt ein Blatt Papier mit Notizen, das er zuvor zerknittert hatte – eine Geste, die an Billard erinnert: erst die Kugel lochen, dann die nächste anvisieren. Das Klima hilft. 24 Grad, keine Luftfeuchtigkeit, perfektes Kalifornien-Wetter für schnelles Umschaltspiel.

Die US-Medien toben. „Pochettinos Nacht vor der Nacht“, titelt ESPN. Die New York Times widmet dem Spiel eine achtseitige Sonderbeilage. Dazwischen schickt der Verband TikTok-Videos raus, in denen die Spieler ihre Nervosität im Tanz versieben. „Wir wollen nicht erdrückt werden“, sagt Kapitän Christian Pulisic in der Katakomben-Gang, „aber wir wollen auch nicht ahnungslos sein. Wir sind Gastgeber, nicht Gefangene.“

Finaler countdown: 60.000 whatsapp-nachrichten und ein satz, der bleibt

Finaler countdown: 60.000 whatsapp-nachrichten und ein satz, der bleibt

Um 18:00 Uhr Ortszeit, 01:00 GMT, fällt der Startschuss. Die letzten Vorverkaufszahlen: 68.992 Tickets, 3.008 VIP-Logen. Die Handy-Netze im Stadion wurden extra aufgerüstet, weil die US-Fans durchschnittlich 60.000 WhatsApp-Nachrichten pro Spiel versenden – eine interne Analyse der NFL, die nun auch der WM dient. Pochettino weiß das. Er weiß auch, dass er seine Mannschaft nicht vor der Hymne warnen muss. „Wenn die ersten Takte erklingen, werden sie verstehen.“

Dann verlässt er die Bühne, geht durch die Spielertunnel, bleibt kurz stehen und sagt leise, fast wie ein Geheimnis: „Am Ende ist es nur ein Spiel. Aber es ist unser Spiel. Und es wird laut werden.“ Keine Frage, kein Pathos – nur eine Feststellung. Der Countdown läuft. Los Angeles atmet durch. Und die Welt schaut zu.