Pau cubarsí: mit 19 jahren schon ein veteran, der die uhr des spanischen fußballs neu justiert

Es ist kurz nach acht an einem Dienstagabend in Sant Joan Despí. Pau Cubarsí steht im Flur des Camp-Nou-Anhangs, die Kappe halb in der Stirn gedrückt, und spricht so leise, dass man sein 19-jähriges Grinsen beinahe übersieht. Dabei hat der Junge aus Girona längst aufgehört, ein Geheimnis zu sein. Seit zwei Jahren spielt er für Spanien, seit eineinhalb Jahren verteidigt er für Barcelona die Zukunft – und das mit einer Gelassenheit, als hätte er bereits drei Generationen mitgemacht.

„Ich bin noch in der wolke, aber die wolke hat jetzt ein eigenes spiel gegen serbien“

Die Zahlen sind so kurz wie seine Antworten: 58 Pflichtspiele für Barça, 13 Länderspiele, eine olympische Goldmedaille, zwei Clásico-Siege, null Niederlagen in K.o.-Partien. Was ihn aber wirklich alt wirken lässt, ist die Art, wie er über das nächste Spiel spricht – nicht als Event, sondern als logische Konsequenz. „Wir trainieren, wir analysieren, wir gewinnen“, sagt er und klingt dabei wie ein Quarterback, der vergessen hat, dass er eigentlich noch Abi machen müsste.

Am Samstag trifft Spanien in Granada auf Serbien, vier Tage später folgt Ägypten in Barcelona. Die Finalissima gegen Messis Argentinien ist abgeblasen, das WM-Ticket aber so gut wie gelöst. Cubarsí wird nicht mehr gefragt, ob er dabei sein wird – sondern ob er schon Kapitan spielt. „Ich versuche, jeden Tag die 100 % zu geben, die der Mister sehen will“, sagt er und meint damit De la Fuente, der ihn mit 17 in die A-Nationalmannschaft holte und seitdem nicht mehr aus dem Kader ließ. Die Verbindung ist so stabil, dass selbst der Ausflug zu den Olympischen Spielen in Paris – wo Cubarsí nur die Vorbereitung mitmachte – als interne Routine gilt. „Ich habe der Euro geholfen, ich habe der WM geholfen, ich helfe mir selbst“, lacht er.

Der spieß, der die mannschaft sticht

Der spieß, der die mannschaft sticht

Im Barcelona-Kabine nennt man ihn „el pagador“ – den Zahlvater. Nicht, weil er Rechnungen begleicht, sondern weil er die Rechnung präsentiert: Wer zu spät kommt, zahlt. Wer das Handy bei der Analyse klingelt, zahlt. Wer nach dem Spiel die Cool-Down-Strümpfe vergisst, zahlt doppelt. „Das hat mir Bernat beigebracht, ich mache es jetzt mit den Jüngeren“, sagt Cubarsí und meint damit Marc Bernal, den 17-jährigen Sechser, der neben ihm im Mittelferkelquartier lebt. Die beiden teilen sich eine Wohnung, einen Ernährungsplan und einen Netflix-Account. „Wir kochen, wir schlafen neun Stunden, wir gucken Casa de Papel – nur ohne Handy, das habe ich verboten“, sagt er und klingt dabei wie ein Erziehungsberechtigter, der selbst noch zur Schulpflicht gehört.

Die Disziplin frisst sich durch den Kalender. Wenn andere 19-Jährige über Spring-Break fluchen, flucht Cubarsí über Spring-Loaded-Spielformen. Er isst keine weiße Pasta vier Tage vor dem Spiel, trinkt keinen Kaffee nach 15 Uhr, schläft mit einer App, die seinen REM-Zyklus misst. „Einmal habe ich versehentlich eine Cola-Light getrunken – ich hatte 18 Minuten Tiefschlaf statt 21“, sagt er und klingt dabei wie ein Athlet, der sich selbst zum High-Performance-Labor geworden ist.

Die momente, in denen er kind bleibt

Die momente, in denen er kind bleibt

Doch es gibt Lücken. Wenn er nach Girona fährt, um seine Großmutter zu besuchen, darf er auf dem Plaza Independencia ein Eis essen. Dann erkennt ihn kaum jemand, weil er eine Kapuze trägt und keine Schuhe mit Carbon-Sohle. „Dort bin ich Pau, nicht Cubarsí“, sagt er. Die Freunde nennen ihn „Pau-et“, eine Mischung aus Pau und Poet, weil er manchmal Gedichte in die Whatsapp-Statuszeile setzt. „Das ist mein Ventil“, sagt er. „Wenn ich ‘Nos queda tanto fútbol por vivir’ poste, weiß meine Schwester, dass ich nervös bin.“

Die größte Angst? „Dass ich vergesse, warum ich das alles gemacht habe“, sagt er. „Dass ich eines Tages aufwache und denke: Es war nur ein Job.“ Deshalb hat er die Goldmedaille von Paris nicht ins Clubmuseum gegeben, sondern in eine Schuhbox unter seinem Bett. „Wenn ich sie ansehe, erinnere ich mich daran, wie ich als 12-Jähriger auf dem Kunstrasen von Bescanó gegen ältere Kids verteidigt habe – und verloren habe“, lacht er.

Die rechnung für den sommer

Die rechnung für den sommer

Am 19. Juli könnte in New York das WM-Finale steigen. Cubarsí wäre 19 Jahre und 180 Tage alt – jünger als Pele 1958, älter als Mbappé 2018. Die Quote, dass er in der Startelf steht, liegt bei 1,3 – niedriger als die, dass Spanien überhaupt das Finale erreicht. „Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn wir gewinnen“, sagt er. „Aber ich weiß, was ich nicht machen würde: Ich würde nicht ins Fernsehen gehen. Ich würde nach Hause fahren, die Medaille unter das Kopfkissen legen und schlafen. Neun Stunden. Mindestens.“

Dann holt er die Handykamera, startet ein Tiktok, das ihn bei der Übung zeigt, wie er mit geschlossenen Augen den Ball aus der Luft pikert – 27 Mal hintereinander. Die Zahl ist kein Zufall: Sie entspricht der Trikotnummer von Rafa Márquez, seinem Idol. „Ich will nicht der neue Puyol sein, nicht der neue Piqué. Ich will der erste Cubarsí sein“, sagt er. Und bevor er die Tür zum Kabinentrakt wieder zuzieht, wirft er einen Blick auf die Uhr. 22.47 Uhr. In elf Stunden beginnt die nächste Session. „Dann bin ich 20“, sagt er. „Aber das Alter ist nur eine Zahl. Die Wolke bleibt.“