Österreichs handballer retten remis in letzter sekunde – wm-ticket rückt näher

Ein Siebenmeterpfiff zwei Sekunden vor Schluss. Der Ball zischte ins Netz, die roten Lichter flackerten, und plötzlich stand es 30:30. Die Handball-Arena Rieden Vorkloser verstummte, als hätte jemand den Stecker gezogen. Österreichs Nationalteam hatte gerade noch die Hand vor den Mund geschlagen, nun musste es den Kopf schütteln. Das Testspiel gegen Nordmazedonien endete mit dem gleichen Schlagabtausch wie bei der WM 2023 – damals 29:29, diesmal 30:30. Ein Déjà-vu, das niemand bestellt hatte.

Damböck trifft, aber die abwehr zittert

Eric Damböck war der Mann des Abends. Neun Treffer, davon drei aus der zweiten Reihe, ließen den Fivers-Linksaußen wie einen alten Straßenkämpfer wirken. „Wir haben die Chance auf Sieg liegen lassen“, sagte er kurz nach dem Schlusspfiff, noch mit Schweißperlen auf der Stirn. Die Statistik gibt ihm recht: 14 Ballverluste in der zweiten Hälfte, ein mazedonischer Kreisläufer, der immer wieder zwischen die österreichischen Riegel tapste, und eine Deckung, die in der 44. Minute plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenfiel.

Coach Iker Romero hatte genau diese Phase vor Augen, als er nach dem Spiel die Stimme hob: „Zwischen Minute 40 und 48 haben wir den Kopf verloren, nicht den Ball.“ Sein Blick wanderte zum Anzeigetafel, wo 20:25 stand. Vier Tage vorher hatte er seine Spieler noch auf dem Trainingsplatz von Bregenz bis zur Erschöpfung laufen lassen. Die Rede war von „mentaler Stärke“, von „Systemtreue“. Was blieb, war ein 6:0-Lauf nach der Auszeit, ein Kofler-Treffer zum 27:27 und ein Kofler-Kopfball, der knapp drüber zischte.

Mykola bilyk und das gespenst von zagreb

Mykola bilyk und das gespenst von zagreb

Mykola Bilyk war 2023 dabei, als der mazedonische Kreisläufer Kiril Lazarov in letzter Sekunde noch den Ausgleich erzielte. Diesmal war es Bojan Madzovski, der nach 59:58 Minuten den Siebenmeter verwandelte. „Wir kennen das Gefühl“, sagt Bilyk und zwinkert nicht einmal. „Aber wir wissen auch, dass wir Polen schlagen können.“ Die polnische Nationalmannschaft wartet im Mai im WM-Play-off. Hinspiel in Riga, Rückspiel in Wien. Die Erinnerung an die 19:31-Heimklatsche vom Vorjahr sitzt tief.

Die Zahlen vor dem Duell mit Polen sind hart: Lettland wurde 33:24 weggeputzt, Polens Torhüter Adam Morawski hält im Schnitt 38 %. Österreichs Kreis läuft nur zu 54 % erfolgreich. Doch die Stimmung im Lager ist merkwürdig locker. Lukas Herburger packt die Zahlen weg wie alte Zeitungen: „Wir haben diese Woche 120 % gegeben, das zählt.“ Der 31-Jährige zieht das Handtuch über den Kopf, als wolle er die Last abschütteln. Dabei wäre ein Sieg heute ein Signal gewesen – an die Fans, an die Verbande, vor allem an sich selbst.

Romero zieht bilanz: „weg ist klar, ziel auch“

Romero zieht bilanz: „weg ist klar, ziel auch“

Iker Romero steht noch immer am Spielfeldrand, als hätte er vergessen, dass das Spiel vorbei ist. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt er und wiederholt den Satz, als müsste er sich selbst überzeugen. Die Defensivvarianten mit 3-2-1-Deckung und dem herausziehenden Rückraum haben funktioniert. Die 14 Tore nach Ballverlust sind aber auch ein Offenbarungseid. „Kleinigkeiten“, sagt Herburger. Doch gerade diese Kleinigkeiten entscheiden in Mai über die WM-Teilnahme.

Die Handball-Arena Rieden Vorkloser räumt langsam ab. Ein Junge mit rot-weiß-roter Wange fragt nach einem Autogramm von Damböck. Der gibt ihm den Spielball, auf dem noch der Schweiß klebt. „Fürs nächste Mal“, sagt er. Die Uhr an der Wand zeigt 21:37. In 72 Tagen ist Play-off. Österreich hat noch einmal die Chance, sich selbst zu überholen. Diesmal soll kein Schlusspfiff mehr zur Last werden.