Nordirland blockiert den azzurri: kick-and-rush-remix mit gestank von 1958

Klein, aber gemein: Die Elf aus Belfast kommt mit nur zwei Premier-League-Startern, bringt aber 90 Minuten Langeweile und eine historische Angstnummer mit. Schon 1958 schickte sie Italien nach Hause – und das ist ihr einziger Trumpf für Bergamo.

Warum die azzurri heute nordirland hassen werden

Warum die azzurri heute nordirland hassen werden

Michael O’Neill hat seinen Jungs ein einziges Kommando eingetrichtert: Ball weg, Beine rein. Die Statistik lügt nicht: 71 % Passquote, das ist Kreisliga-Niveau mit Profi-Trikots. Doch genau darin steckt der Plan. Italien wird das Spiel machen, sich über kurze Pässe in den Strafraum nageln – und dann prasselt ein langer Ball auf die Insel-Spitze Reid oder den 19-jährigen Marshall (West Ham II, Bochum-Leihe). Zweikampf, zweite Bälle, Standards. Fertig.

Die Defensive ist ein Beton-5er-Block mit Seitenhieb: Linksaußen Pierce, sieben Tore in der Championship, hat schon die deutsche Mannschaft aus 20 Metern gezimmert. Seine 14 Torschüsse in der Gruppenphase sind mehr als jeder einzelne italische Feldspieler außer Chiesa. Ein Flügelstürmer als geheime Schusswaffe – das ist nordirischer Humor.

Die Ausfälle von Bradley (Liverpool) und Ballard (Sunderland) schwächen nominell die Kreativität. Tatsächlich aber passen sie ins Konzept wie ein Handschuh: Wer nicht viel Ballbesitz will, braucht auch keine technischen Leuchttürme. Stattdessen Hume (2002) und Charles (2003) – junge Hüne, die laufen, stemmen, klären. Ein 5-4-1 ohne Ego, dafür mit 19 Prozent Ballbesitz und 100 Prozent Frustpotential für den Gegner.

Die letzte Begegnung im Oktober 2021 endete 0-0 in Belfast. Danach folgte das Play-off-Fiasko gegen Mazedonien. Die Selezione weiß also, was passieren kann, wenn Nordirlands Mauer nicht früh fällt. Spätestens in der 70. Minute, wenn italische Beine schwerer werden, schaltet O’Neill auf „Plan Langwurf“ um. Jeder Freistoß 40 Meter vor dem Tor ist dann ein halber Hail-Mary-Pass auf den Kopf von Reid.

Luciano Spalletti hat vor dem Spiel gesagt, er wolle „Tempo und Geduld“ kombinieren. Genau das wird Nordirland verhindern. Die Partie wird zur Schach-Partie gegen eine Wand, die selbst zieht nur ein Feld vor und zurück. Die erste gelbe Karte fällt vermutlich in der vierten Minute – und die letzte Hoffnung Italiens spätestens in der Nachspielzeit, wenn ein abgefälschter Ball zum 1-0 ins Netz kullert.

1958 schafften es die Nordiren, 2022 fast auch. Heute Abend reicht ihnen ein Punkt, um die Träume der Azzurri wieder einmal ins Reich der Geister zu schicken. Und sollte es 0-0 stehen, winkt das Ticket für die Endrunde – mit demselben Gestank von Underdog-Revolution, der schon vor 66 Jahren durch die Straßen von Belfast zog.