Nestor lorenzo tauft kolumbiens wm-traum in den schneen der sierra nevada

Ein argentinischer Trainer, ein Häufchen Baumwolle und ein Feuer hoch über den Wolken: Was sich wie ein spiritueller Witz anhört, ist für Kolumbiens Nationalteam der letzte Schritt vor dem WM-Auftakt 2026.

Nestor Lorenzo hat sich am Fuß der Sierra Nevada von Santa Marta von vier Mamos – den Schamanen der indigenen Völker Kogui, Arhuaco, Wiwa und Kankuamo – die Seele waschen lassen. Keine PR-Geste, keine PR-Ankündigung, sondern eine knapp zweistündige Zeremonie, die drei Tage nach der Veröffentlichung der 55-Kader-Shortlist stattfand und nur durch ein Handy-Video aufflog, das Michel Torres beim Dreh seines Fan-Hits „El tic tac de mi selección“ aus Versehen streamte.

Die drei akte, die lorenzo reinigen sollen

Erstens: Gedankenwäsche, wörtlich. Ein Wattebausch in beiden Händen, alle Sorgen hinein, dann ins Feuer. Die Flamme schlägt hoch, Lorenzo atmet aus. Zweitens: Zahlung an Pachamama, Erdmutter. Kakaobohnen, Zucker und ein Schluck Aguardiente in einen kleinen Erdhügel – Gegenleistung für Balance. Drittens: ein weißes Baumwollband um das linke Handgelenk, „Seguranza“ genannt, Amulett gegen böse Blicke und VAR-Entscheidungen.

Der Coach schweigt zu Details, doch sein Co-Trainer Alexis García plauderte vor Radiogänse: „Er kam mit sandfarbenen Stiefeln zurück und hat sofort verlangt, dass jedes Mitglied der Stabseinheit ein kleines Stückchen des Bandes trägt.“

Warum jetzt und warum dort

Warum jetzt und warum dort

Die Antwort steckt im Kalender. Am 1. Juni empfängt Kolumbien Costa Rica im Estadio El Campín – letzter Test vor der Abreise. James Rodríguez hat sich bereits freigekauft, Luis Díáz folgt am Wochenende. Die Gruppenphase lotst die Tricolor nach Miami, New York und Seattle – drei Zeitzonen, drei Klimazonen. Wer da nicht im Kopf zuhause ist, verliert sich im Takt.

Lorenzo kennt das. 1990 saß er selbst als Spieler auf der Bank, als Kolumbien im Achtelfinale gegen Kamerun an der Elfmeter-Lotterie zerbrach. „Wir hatten die bessere Taktik, aber nicht die bessere Seele“, sagte er einmal in einem Interview, das kaum jemand zitiert. Jetzt, 36 Jahre später, holt er die Seele nach.

Ob Aberglaube oder Athletik-Psychologie – die Zahlen sprechen für ihn: Seit er 2022 das Ruder übernahm, verlor Kolumbien nur ein einziges Pflichtspiel. Dazu kommen 21 Spiele ohne Niederlage, eine Serie, die nur Brasilien (27, 1993-96) und Spanien (24, 2007-09) länger schafften.

Das geheimnis liegt nicht im schnee, sondern in der geschwindigkeit

Das geheimnis liegt nicht im schnee, sondern in der geschwindigkeit

Die FIFA hat die WM auf 104 Spiele aufgestockt, das Turnier dauert 38 Tage. Wer nicht jeden Tag die eigene Motivation neu entzündet, erstickt an der Länge. Lorenzo hat also nicht nur Watte verbrannt, sondern auch ein internes Codewort eingeführt: „Tic-tac“ – nicht nur Song-Titel, sondern Kommando für ein fünfsekündiges Presping, das seine Außenverteidiger sofort auslösen, wenn der Gegner den Ball in die Dreierkette rollt.

Am Ende bleibt ein Bild: Ein 58-Jähriger, der nachts um zwei Uhr mit verschwitzter Stirn aus dem Bus steigt, das Amulett am Handgelenk leuchtet im Blitzlicht. Kolumbien hat in der Sierra Nevada nicht nur einen Trainer, sondern eine ganze Nation entschuldigt – für alle früheren Ausscheiden, für alle brennenden Busse und für die Trauma-Elfmeter von 1990. Die Watte ist Asche, das Band bleibt. Und der Countdown läuft: noch 17 Tage bis Miami.