Nagelsmann zündet den turbo: schweiz-duell wird erste wm-feuerprobe

Die Uhr tickt. 67 Tage noch, dann geht in Kanada, Mexiko und den USA die Weltmeisterschaft los. Doch Julian Nagelsmann lässt keine Sekunde ungenutzt. Heute Abend (20.45 Uhr, RTL) fordert er im Schweizer Test die Wahrheit – und zwar von sich selbst.

„Die Schweiz ist eine extrem gute Mannschaft. Sie ist defensiv sehr stabil, kassiert wenige Gegentore, lässt kaum Chancen zu, steht kompakt hinter dem Ball und verteidigt gnadenlos.“ So klingt ein Bundestrainer, der keinen Blödsinn mehr hören will. Kein „wir schauen mal“, kein „wir testen ein bisschen“. Nagelsmann spricht von einem „stabilen Konstrukt“. Das bedeutet: Wer heute in Duisburg nicht in der Startelf steht, muss beim WM-Auftakt gegen Marokko mit dem Zuschauen beginnen.

Die taktik-frage: kante oder kreativität?

Die Personalie Joshua Kimmich ist gelöst – Rechtsverteidigung, kein Diskussionsbedarf. Die echte Zerreißprobe liefert Mittelfeldzentrum. Nagelsmann kann Pascal Groß’ Zuverlässigkeit wählen oder Robert Andrichs Aggressivität. Hinter den beiden lauert Emre Can, der mit Blick auf die Gruppengegner USA und Tunesien die körperliche Präsenz garantiert. Die Entscheidung fällt erst zwei Stunden vor Anpfiff, verriet Co-Trainer Benjamin Glück. Im Training montags stand Andrich neben Kroos – ein Indiz, kein Bekenntnis.

Davor wird Kai Havertz erneut die falsche Neun geben. Sein Lauf, seine Räume, seine Torgefahr – Nagelsmann liebt diese Variante, weil sie den Gegner zwingt, tiefer zu verschieben und die Halbräume für Musiala und Wirtz öffnet. Die Schweiz wird das nicht kampflos akzeptieren. Trainer Murat Yakin setzt auf Granit Xhaka und Remo Freuler, ein Doppelsechs-Paket, das nur mit Tempo zu öffnen ist.

Die sturm-enge: volland statt fulland?

Die sturm-enge: volland statt fulland?

Wer schießt die Tore? Niclas Füllkrug liefert in der Bundesliga, schwächelt aber im DFB-Trikot. Seine Quote: drei Treffer in 16 Länderspielen. Das reicht nicht für einen Titelanwärter. Serge Gnabry ist fit, aber außer Form. Thomas Müller? 34 Jahre jung, aber die Beine zählen die Minuten. Deshalb plant Nagelsmann ein Notprotokoll: Leroy Sané und Jamal Musiala wechseln sich in halbstündigen Intervallen auf der linken Außenbahn ab – ein Dauer-Angriff, der die Schweizer Kette zermürben soll.

Die größte Überraschung bahnt sich in der Innenverteidigung an. Antonio Rüdiger ist gesetzt, sein Partner köscher. Jonathan Tah liefert die Spritzigkeit, Nico Schlotterbeck die Spieleröffnung. Wer neben Rüdiger steht, entscheidet sich an der Frage: Will Nagelsmann den Ball oder den Gegner kontrollieren? Gegen die Schweiz, die mit Breel Embolo und Xherdan Shaqiri kontert, wird wohl Tah laut Plan.

Der countdown läuft – mit oder ohne experimente

Nagelsmann erklärte, es gebe „kein Testspiel im klassischen Sinne“. Das klingt nach Endrunden-Atmosphäre, ist aber ein Appell an die eigene Mannschaft: Kein Rumprobieren, kein „wir testen mal drei Systeme“. Die Statistik spricht für ihn: Die DFB-Elf hat zuletzt zweimal gegen die Schweiz verloren – 3-0 in Köln, 2-1 in Basel. Ein drittes Mal wäre ein Schock, der bis in die WM-Kickoff hinein nachhallen würde.

Die letzte Frage bleibt offen: Wer trägt die Kapitänsbinde? Manuel Neuer fehlt, Rüdiger ist designierter Nachfolger. Doch Ilkay Gündogan will das Kommando nicht abgeben. Nagelsmann löst das Dilemma pragmatisch: Gündogan beginnt, gibt nach 60 Minuten die Binde an Rüdiger weiter – ein Probedurchlauf für mögliche Szenarien in der K.o.-Phase. Symbolik pur.

67 Tage bis zur WM. Heute zählt nur ein Ergebnis. Die Schweiz will sich beweisen, Deutschland sich festigen. Die Fans wollen endlich wieder jubeln. Und Nagelsmann? Der will Gewissheit. Die bekommt er nur, wenn seine Elf beweist, dass das angepriesene „stabile Konstrukt“ auch unter Druck steht. Abpfiff 22.30 Uhr. Dann wissen wir, ob der Countdown in Richtung Titel oder in Richtung Trümmer läuft.