Nagelsmann stellt sané auf – und spaltet damit die nation
Leroy Sané läuft, dribbelt, verliert den Ball. Und wieder. Die Tribüne in Genf zischt, die TV-Experten donnern, Julian Nagelsmann nickt trotzdem: „Stammplatz gegen Ghana.“ Dieser Satz hat das Lager der DFB-Elf am Sonntag in zwei feindliche Fronten geteilt – und Nagelsmann steht mit dem Rücken zur Wand.

Warum ein bankdrücker aus istanbul plötzlich unantastbar ist
Die Zahlen sind gnadenlos: vier Halbzeiten gegen Liverpool, eine davon gespielt – und selbst da war Sané der geistloseste Akteur auf dem Rasen. In der Süper Lig schoss ihn Okan Buruk vor zwei Wochen zur Bank, weil selbst gegen Ankaragücü seine ersten Kontakte den Gegner einluden. Dennoch steht er am Montag in Stuttgart wieder in der Startelf. Begründung? Stille. Nagelsmann schwieg sich nach der Nominierung aus, ließ nur durchblicken, dass „Leroys Tempo uns entlastet“. Welches Tempo? Das der Rückwärtsbewegung?
Alfred Draxler explodierte im Doppelpass: „Dieser Spieler trägt seit Jahren das Etikett ‚Rohdiamant‘, aber der Diamant bleibt ein Stein.“ Effenberg legte nach: „Ich nehme lieber Karl. Der macht den Unterschied, nicht den Unterschied zwischen Hoffnung und Frust.“ Lennart Karl, 22, drei Bayern-Tore in 264 Minuten, Champions-League-Assistent gegen Lazio – und trotzdem der Joker, während Sané den Joker der Fans spielt.
Die Frage ist nicht, ob Sané einmal Glanz erzeugen kann. Die Frage ist, warum ein Bundestrainer ausgerechnet dann auf ihn setzt, wenn die Formkurve senkrecht nach unten zeigt. 2018 war es Löw, 2021 war es Flick, 2026 ist es Nagelsmann – und das Muster wiederholt sich wie ein Albtraum. WM 2018: Sané zog nach Hause, ohne Dämpfe. EM 2021: Sané schoss Deutschland aus dem Turnier. WM 2022: Sané saß zuletzt auf der Bank. Jetzt also Ghana – und wieder steht er vor dem Abgrund.
Intern wissen sie es längst: Die Chemie zwischen Musiala und Sané ist erkaltet, die rechte Seite wird zur Einbahnstraße. Die Statistik des DFB zeigt 27 Länderspiele ohne Tor seit der Euro – ein Offensivspieler, der sich selbst blockiert. Die einzige Konstante: sein Instagram-Account, dort läuft alles glatt.
Nagelsmann wollte Freiraum für seine Jungstars, aber er schafft Korsettpflicht für einen Altstar, der nie erwachsen wurde. Wenn am Montag um 20:45 Uhr die Anstoß-Sirene heult, wird die Arena nicht jubeln, sie wird jede Sané-Ballberührung mit angehaltenem Atem registrieren – und bei jedem Fehler das Raunen lauter werden. Ghana ist kein Gegner, Ghana ist ein Prüfstand. Und Nagelsmann spielt Roulette mit der Geduld von 83 Millionen.
Am Ende bleibt eine Ironie: Sané sucht nach Bestätigung, findet aber nur noch Beweise gegen sich selbst. Die WM liegt vier Monate hin, das Ticket nach Ghana ist keines – es ist ein Stresstest für eine Nation, die schon wieder dieselbe leere Show sehen soll. Wenn er scheitert, trifft es nicht nur ihn. Es trifft den Trainer, der an einem Phantom festhält – und die Mannschaft, die mit einem Gespenst spielt.
