Mazzel zerschlägt die schicksalswelle – gold nach sturz, kreuzbandriiss und panikattacke

Chiara Mazzel fuhr mit 100 Stundenkilometern die Streif der Tofane hinunter – und schlug die Gegnerin, die sie zuletzt in jedem Rennen schlug. Dabei hatte sie heute Morgen noch mit einer Migräke gehadert und das Visier als zu wackelig empfunden.

Die 27-jährige Italienerin holte im Super-G der Paralympics in Cortina die erste Goldmedaille für das Azzurri-Team im alpinen Skisport seit Turin 2006. Kein anderer Name stand so oft im Drehbuch der italienischen Behindertensport-Geschichte wie ihr eigener: Glaukom mit fast völligem Sehverlust mit 17, zwei Jahre Zimmerarrest, Kreuz- und Meniskusriss 2023, gestern noch ein leichter Panikanfall in der Bahnerkundung.

Vom horn bis zur abfahrt: zwischen notenständer und startnummer

Mazzel spielt Französischhorn, malt Ölgemälde, wandert mit GPS-Uhr und joggt trotz 3 % Restsehstärke durch die Dolomiten. „Wenn ich die Noten nicht sehe, spiele ich aus dem Gedächtnis“, sagt sie. Ihr Trainer Roberto Valcarenghi nennt das „Mental-Doping auf höchstem Niveau“.

Die Gegnerin, die sie heute schlug, heißt Veronika Aigner. Die Österreicherin hatte die vergangenen fünf Super-G-Rennen der Sehbehinderten gewonnen. Mazzel lag nach Zwischenzeit eins 0,42 Sekunden vor ihr, holte am Ziel 0,27 Sekunden heraus. „Ich habe ihre Stimme im Funk gehört und nur gedacht: Jetzt oder nie“, sagt Mazzel.

Die Krise vor dem Rennen war real. Kopfschmerzen, Schwindel, das Gefühl, die Skispitze würde sich in der Luft lösen. Ihr Guide Nicola Cotti Cottini fuhr mit ihr eine Extra-Runde. „Wir haben gesprochen, bis das Adrenalin lauter war als der Schmerz“, sagt er.

20 Jahre warten – und ein einziger fehler, den sie sofort korrigierte

20 Jahre warten – und ein einziger fehler, den sie sofort korrigierte

Silvia Parente war 2006 die Letzte, die im alpinen Frauensport Gold für Italien holte. Seitdem folgten 29 WM-Rennen ohne Sieg, 14 Olympia-Einsätze ohne Podest. Mazzel brauchte 1:19,72 min, ihre größte Schwäche kam bei Kilometer 2,3: ein Sprung, landete zu weit außen. „Ich habe die Hände vor die Brust genommen und mit der Hüfte nachgelegt – wie im Training, 300 Mal im Sommer“, sagt sie.

Die Zielampel schaltte auf Grün, das Stadion tobte. Präsident Mattarella schickte sofort eine SMS: „Italia è orgogliosa.“ Mazzel selbst stand im Ziel, strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen – ein Ritual, das sie seit der Blindheit macht. „Ich sehe nichts, aber ich fühle alles“, sagt sie.

Nächste Woche folgen Riesenslalom und Slalom. Der Kreuzbandriiss ist kein Thema mehr, der Hornlehrer wartet schon wieder. Wer Chiara Mazzel verstehen will, muss wissen: Sie sammelt keine Medaillen, sondern Beweise dafür, dass das Leben lauter sein kann als das eigene Schweigen.