Matthäus holt die tränen-helden zurück – münchen feiert die wm-90-doku

Der Mathäser Filmpalast war Montagabain kein Kino, sondern eine Zeitmaschine. Als Lothar Matthäus die Bühne betrat, hallte 1990 durch die Leinwand: „Ich packe den Pokal!“ Sekunden später standen 800 Gäste inklusive Boris Becker und Markus Söder im Dunkeln, aber sie sangen lautstark mit. Die deutsche Fußball-Nostalgie ist ein Geschäft – und jetzt ein 90-Minuten-Film.

Der schuss von brehme wird 35 und bleibt ewig jung

Andy Brehmes Elfmetergegen Argentinien ist seit 8. Juli 1990 im Kollektivgedächtnis verankert. Was die Doku „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ neu liefert, ist das gedämpfte Kameraplusch-Geräusch, als der Ball die Latte streift. Pierre Littbarski musste beim zweiten Sehen wegsehen: „Das Bild zieht dich in die Kabine zurück, wo wir mit Schweißfußboden und Capri-Sonne gefeiert haben.“ Der ehemalige Außenstürmer funktioniert im Film als Reporter und fragt seine jüngere Version: „Warum hast du damals keine Angst?“ Antwort aus dem Archiv: „Weil wir 22 Freunde waren, keine 22 Profis.“

Produziert wird die Nummer-1-Verkaufsstory von Constantin Film, finanziert durch den SPIEGEL-Bestseller „Wir Helden von Rom“ des Sportjournalisten Nils Suling. Der hatte 2021 Interviews mit allen Überlebenden geführt – nur Brehme fehlt. Sein Tod im vergangenen November hängt wie ein leiser Bass über der Premiere. Matthäus: „Wir haben ihn mit leerem Stuhl reserviert, Row E, Platz 7 – seine Rückennummer.“

München wird zur fanzone der generation 40 plus

München wird zur fanzone der generation 40 plus

VIP-Schlange vor der Popcorn-Theke: Schauspieler Michael „Bully“ Herbig quetscht sich in ein Original-Trikot von 1990, das er auf eBay ersteigert hat. Becker erscheint in Sneakern, die so weiß sind wie die Einser-Bomber von damals. Söder erhält zum zweiten Mal seinen Bayerischen Verdienstorden – diesmal als Souvenir, nicht als Ersatz. Der Ministerpräsident posiert kurz, dann verschwindet er im Dunkel. Kamerateams dürfen nur die ersten fünf Minuten filmen, danach herrscht analoges Stadionverbot.

Dafür gibt's echte Kuriositäten: Olaf Thon hat seine Tochter mitgebracht, die 1990 noch gar nicht geplant war. Guido Buchwald trägt die original Kapitänsbinde – ausgestellt aus Plastik, weil das Original 1994 bei einem Benefizspiel verloren ging. Und Uwe Bein? Der Mittelfeldstratege war 33 Jahre lang verschwunden, taucht jetzt mit grauem Vollbart auf und sagt: „Ich wollte schauen, ob mein Pass noch funktioniert.“

Die Doku selbst folgt keinem linearen Erzählstrang. Regisseur Simon Schäfer montierte Instagram-ähnliche Splitscreens: links die ARD-Originalkommentare von Ernst Huberty, rechts WhatsApp-Sprachnotizen der Spieler von heute. Ergebnis: 43 Minuten Lachkrämpfe, 12 Minuten Schweigen. Die Tonspur des Finales wurde neu abgemischt – für Surround-Kinos, nicht für Fernsehen. Jeder Schlag auf den Ball klingt wie ein Boxenhieb. Die FIFA musste das Material freigeben, verlangte aber, dass alle Sponsorenlogos der 1990er entfernt werden. Adidas bekam eine Ausnahme: Die drei Streifen bleiben, weil sie laut Urheberrecht „Kulturgut“ sind.

Die nächste reunion steht schon fest

Die nächste reunion steht schon fest

Kurz vor Ende rollt ein Bus vors Kino. Auf dem Display: „Rom 2025 – 35 Jahre“. Die Mannschaft wird im Oktober erneut nach Italien fliegen, diesmal mit Familien. Geplant ist ein Benefizspiel gegen ein Allstar-Team von 1990er Gegnern – Maradona wird durch einen Sohn vertreten, Caniggia hat zugesagt. Einnahmen: eine Viertelmillion Euro, fließt in Nachwuchsprojekte des DFB und der italienischen Lega Serie A.

Bei der After-Show-Party im Bayerischen Hof bestellt Matthäus 22 Glas Weißwein – einer bleibt stehen. Kein Toast, kein Slogan. Stattdessen zieht jeder seine Socke aus und stellt sie auf dem Tisch auf. Die weiße Erinnerung an Brehme, der die Strafraumecke malte. Um 0:47 Uhr ist Schluss, die letzte Gästeliste liegt im Mülleimer. Der Nachtportier sagt: „So was hab ich seit der EM 2006 nicht mehr gesehen – und das war nur ein Film.“