Magdeburg gegen berlin: das spiel, das die meisterschaft endgültig sprengt

Sechs Punkte Vorsprung, zwölf Heimsiege in Serie, ein Stadion, das vor Macht nur so knarzt – und trotzdem ist es nur ein einziger Satz, der durch die Kabine geistert: „Wenn wir jetzt stolpern, ist alles offen.“ Der SC Magdeburg empfängt am Samstag (16.05 Uhr, live im Ersten) die Füchse Berlin – und mit ihnen die letzte echte Faust, die der Tabelle noch droht.

Bennet Wiegert redet sich seit Tagen heraus. „Keine Vorentscheidung“, sagt er, als wolle er das Schicksal täuschen. Dabei weiß jeder in der Bördelandhalle: Gewinnt Magdeburg, sind neun Punkte zwischen Platz eins und zwei, acht Spieltage noch, und selbst ein Kollaps wäre mathematisch ein Wunder. Verliert der Tabellenführer aber, schrumpft der Polster auf drei Zähler – und Berlin hat Momentum, Selbstvertrauen sowie die bessere Auswärtstriple aus Leipzig und Flensburg noch vor der Brust.

Die füchse kommen als abrissbirne

Nicolej Krickau nennt es „ein kleines, kleines Fenster“. Seit neun Pflichtspielen fährt Berlin Sieg um Sieg, die meisten mit zweistelligem Abstand. Max Darj lacht nach dem Training: „Wir haben nichts zu verlieren, sie alles.“ Das ist keine PR-Floskel, sondern taktische Wahrheit. Denn die Füchse spielen seit dem Trainerwechsel Handball, als gäbe es kein Morgen – 32,8 Tore im Schnitt in den letzten fünf Partien, Tempo-Ketten, die selbst Kiel erzittern ließen.

Magdeburg dagegen trägt die Last der Favoritenrolle wie ein nasses Handtuch. Drei Niederlagen in der ChampionsLeague, zwei knappe 26:25-Heimsiege gegen Bietigheim und Hannover – und die Erkenntnis, dass 13 Nationalspieler im Kader auch bedeuten: nie Urlaub, immer Pflicht. „Wir hängen durch“, sagt Manager Marc-Henrik Schmedt offener als erlaubt. Die EM-Wellen schlagen spät, aber heftig. Omar Ingi Magnusson spielte in Januar 240 Minuten für Island, Gísli Kristjánsson für Norwegen – und beide müssen jetzt gegen Berlin die Köpfe wieder hochnehmen.

Die positionsduelle, die alles entscheiden

Die positionsduelle, die alles entscheiden

Wiegert hat die Videoanalyse verlängert. Sein Fazit: „Wir müssen die Eins-gegen-Eins gewinnen, sonst werden wir auseinander genommen.“ Er meint: Darj gegen Magnusson auf der linken Außenbahn, Matthias Musche gegen Lucas Bily im Rückraum, Dejan Miljanić gegen Kristjánsson im Zentrum. Berlin setzt auf Isolation, Magdeburg auf Rotation. Wer als erstes umschaltet, bestimmt das Tempo.

Das Hinspiel? Vergessen. 39:32, Berlin in Aufruhr, Krickau seit 24 Stunden im Amt. „Die waren geschockt, nicht wir gut“, sagt Wiegert. Seitdem hat Krickau sein System auf Sicherheit getrimmt: 5-1-Deckung mit Mijajlo Marsenić als freiem Mann, Angriff über Musche undFabian Wiede, beide in Topform. Die Zahlen: Berlin legt 3,2 Tore pro sieben Angriffe, Magdeburg 2,9 – auf 60 Ballbesitzen sind das fast zwei Treffer Differenz.

Die stimmung: 19.500 fans, ein groll, ein fest

Die stimmung: 19.500 fans, ein groll, ein fest

Die Bördelandhalle ist seit Mittwoch ausverkauft. 19.500 Tickets, 2.000 Berliner Gäste, eine Choreografie, die den kompletten Block C eindeckt. Schmedt: „Wir brauchen das zwölte Mannschaftsmitglied, weil wir siebzehn Spieltage kein normales Training hatten.“ Die Kurve wird singen, Trommeln, pfeifen – und wenn der erste Kreis kommt, ist es lauter als jede Kabinen-Ansage.

Krickau will die Geräuschkulisse „nutzen wie eine Waffe“. Seine Spieler sollen die Pausen vorwerfen, das Tempo drossern, Magdeburg in Ungeduld treiben. Er kennt die Magdeburger Psyche: „Wenn sie zweimal hintereinander scheitern, wird es eng.“ Die letzte Niederlage der Sachsen-Anhalter? 25:26 in Kiel – vor fünf Wochen. Danach sprach keiner mehr vom ungeschlagenen Heimrekord.

Die wetterlage: macht die liga das rennen?

Die wetterlage: macht die liga das rennen?

Die DHB-Delegation sitzt bereits in der Loge. Sie weiß: Gewinnt Magdeburg, ist die Meisterschaft so gut wie gelaufen – und der TV-Sender hat sein Hauptthema verloren. Verliert der SCM, kommen Spieltag um Spieltag Superlativen. „Wir sind der Gewinner, egal wie es ausgeht“, sagt ein Liga-Offizieller anonym. Der Blick auf die Quote: Das Topspiel liegt bei 1,6 Millionen Live-Zuschauern, dreimal so viel wie ein Durchschnitts-Match.

Für Wiegert bleibt nur ein Weg: „Wir müssen unsere Ordnung finden, bevor sie ihre Laufbahnen finden.“ Für Krickau gilt: „Wir müssen sie zwingen, ihre Ordnung zu verlieren.“ Beide Trainer wissen: Der Sieger darf träumen, der Verlierer muss kämpfen – aber beide werden noch lange wach liegen.

Puck-Whistle 16.05 Uhr. Danach ist nichts mehr wie vorher. Entweder jubelt ein ganzes Bundesland – oder Berlin erfindet sich neu. Die Meisterschaft? Die beginnt erst nach dem Abpfiff wirklich.