Prevc taumelt über den abgrund: weltrekordler rettet sich mit glück und muskelkraft
Domen Prevc flog in Planica nicht weit. Er fiel beinahe. Der slowenische Rekordmann taumelte im Probedurchgang des Teamwettbewerbs kurz nach dem Absprung, riss die Skispitzen nach oben, stemmte die Beine durch – und landete mit 80 Metern statt 254,5 auf dem Bauch. Kein Weltrekord, sondern ein Weltuntergang, der knapp ausblieb.
Der aufwind frisst helden
Der Wind schlug um 9:46 Uhr scharf auf die Schanze. Prevc hatte sich schon in die Flugposition gelegt, da packte ihn ein Bö aus dem Talkessel. Die Skier kippten nach vorn, die Kante kratzte über die Piste. Eurosport-Experte Werner Schuster sprach später von „einem Grenzgang, den man nicht üben kann“. Der Slowene stemmte sich mit letzter Kraft hoch, verlagerte das Körpergewicht nach hinten und landete auf allen vieren. Keine Verletzung, nur Staub auf der Anzugshaut.
24 Stunden zuvor hatte Prevc noch den 14. Saisonsieg gefeiert. Er flog 254,5 Meter weit, stellte den Weltrekord ein, ließ Ren Nikaido und Daniel Tschofenig stehen. Nun, beim Heimspiel in Planica, war er plötzlich der Mann, der fast gestürzt wäre. „Ich habe nur noch an meine Schwester gedacht und an die Beine“, sagte er nach dem Training. „Mehr war da nicht.“

Der deutsche, der stürzte, und der italiener, der lacht
Andreas Wellinger beobachtete die Szene vom Balkon der Trainer. Er war Achter vom Freitag, aber das interessierte ihn gerade nicht. „Wenn der Wind dich erwischt, bist du Spielball“, sagte er. „Domen hat gezeigt, wie schnell Ruhm zur Rutschpartie werden kann.“
Während die Slowenen um ihren Star bangten, lieferte Alex Insam den nächsten Schock. Der Italiener kam aus 230 Metern zurück, zog die Ski ein, rutschte über die Anklopflinie. Auch er blieb unverletzt, aber die Stimmung auf der Schanze war auf einmal so dick wie der Nebel über der Drau.
Die Veranstalter unterbrachen den Probedurchgang für 20 Minuten. Sie prüften die Windmessgeräte, justierten die Anlauflänge, schickten die Räumfahrzeuge über die Piste. Als der Wettkampf weiterlief, war Prevcs Name nicht mehr auf der Startliste. Er stand am Kamm, schüttelte den Kopf, winkte aber ab. „Ich springe“, sagte er. „Aber vielleicht nur, wenn der Wind schläft.“

Die saison, die nie endet
Mit 14 Siegen, einem Olympiasieg und einem Weltrekord ist Prevc längst die lebende Legende der Flugschanzen. Doch Legenden sind nur so gut wie ihr letzter Sprung. In Planica zeigte sich, dass selachische Selbstverständlichheit und millimetergenaue Kontrolle zwei Paar Schuhe sind. Der Aufwind frisst keine Statistiken, er frisst nur Skiflieger.
Am Sonntag steht das Finale an. Die Teams sind nominiert, die Tribüne schon ausverkauft. Ob der slowenische Superstar wieder von der großen Schanze saust? Er selbst weiß es nicht. „Ich schaue heute Abend MotoGP“, sagte er mit einem schiefen Grinsen. „Die Jungs fallen auch runter – und stehen wieder auf.“
Die Saison ist fast vorbei, aber die Angst bleibt. Sie sitzt zwischen den Fasern der Kohlefaser-Ski, in den Lungen der Trainer, in den Blicken der Zuschauer. Domen Prevc hat den Abgrund gesehen – und sich davongestemmt. Ob er morgen wieder fliegt, entscheidet nicht der Wind. Es entscheidet der Mensch, der sich in den Wind stellt.
