Lukas gneiding jagt seine eispartnerin – und riskiert das aus
22 Jahre, Junioren-Meister, ohne Partnerin auf dem Eis so gut wie arbeitslos: Lukas Gneiding sitzt in Berlin zwischen Trainingseinheit und TikTok-Video und wartet auf eine Frau, die maximal 1,60 m misst. Denn ohne sie bleibt sein Traum von Weltmeisterschaft und Olympia ein Luftschloss.
Der trennungsgrund, den keiner laut ausspricht
Die Trennung von Anfisa Sevastianova war keine Eintagsmelodie. Hinter den Kulissen brodelte es Monate: unterschiedliche Sprungtiming, zu viel Körgröße, zu wenig Geduld. „Wir haben uns nicht zerstritten, wir haben nur gemerkt: Die Rotation sitzt nicht“, sagt Gneiding und deutet auf die Stelle hinter seinem Ohr, wo sich Stress manifestiert. Seitdem ist die 800-Quadratmeter-Eisfläche in Hohenschönhausen sein einziger Konstante.
Trainer Ruben Blommaert hat Excel-Tabellen mit Namen, Größen, Sprungkonten. Er telefoniert mit Moskau, Montreal, Milton Keynes. Jede neue Nummer bedeutet: Video schicken, Größenverhältnis prüfen, Termin blockieren. Die nächste Testfahrt steigt in zwei Tagen in Oberstdorf. Drei Tage später folgt ein Try-out in Courchevel. Dazwischen: Uni-Vorlesung Sportmanagement, 8 a.m., Zoom.

Die 20-zentimeter-regel und warum sie über allem thront
„Wenn sie mir bis zur Schulter geht, kann ich sie in der Twist drehen, ohne dass ihr Kopf meine Rippen trifft“, erklärt Gneiding und zeigt auf sein 1,85-Meter-Gerippe. Die 20- bis 30-cm-Differenz ist kein Schönheitsideal, sondern ein Gesetz der Hebel. Zwei Zentimeter zu viel und der Axel wird zur Waffe. Zu wenig und die Handstand-Pirouette kippt. Die Suche verengt sich auf etwa 15 Frauen weltweit – alle verplant, alle verletzungsanfällig, alle mit eigenen Olympia-Plänen.
Minerva Hase, frisch gebronzte Olympiateilnehmerin, hat den Instagram-Post geteilt. „Ich kenne das Gefühl, zwei Jahre ohne Partner rumzuhängen“, sagt sie im rbb-Interview. Ihr Partner Nikita Volodin nickt: „Manchmal passt alles – Größe, Sprungkonto, Musikgeschmack – und trotzdem funktioniert die Chemie nicht. Dann liegt es am Atemrhythmus. An der Händeschweiß-Temperatur. An Dingen, die du nicht messen kannst.“

Wenn kein paar entsteht, bleibt nur das aus
Die Drohkulisse ist real: Findet Gneiding bis Saisonbeginn 2027 keine Partnerin, beendet er die Karriere. Einzellauf? „Vergiss es. Mit 1,85 m bin ich ein Flugzeugträger ohne Startbahn.“ Also plant er Parallel: Klausurphase, Coaching-Lizenz, Jobangebot einer Event-Agentur. Die Mutter hat schon eine Küchen-Umbaumeldung in den Kalender gepinnt. Die Eisfläche wird zur Zeitkapsel.
Die nächste Woche wird knallhart: Dienstag Video-Call mit einer Kanadierin, die ihren Partner wechseln will. Donnerstag Probedreh in Garmisch, gemeinsam mit einer Polin, die selbst schon EM-Erfahrung hat. Wenn sich dann noch niemand an seiner Schulter festhält, bleibt nur die kalte Dusche und die Erkenntnis: Im Eiskunstlauf sucht nicht nur der Sportler nach der Partnerin – die Partnerin sucht auch nach einem Land, einer Perspektive, einem Lebensentwurf. Und manchmal kommt dabei heraus: Die Größe stimmt, der Rest nicht. Dann fällt das Licht aus, die Zamboni fährt auf, und Gneiding steht wieder allein da – mit 22 Jahren, einem Medaillon und einer Uhr, die lauter tickt als jedes Eislaufpublikum der Welt.
