Lothar matthäus wird 65: warum der rekordweltmeister nie aufhört, fußball zu erklären
Der Ball rollt, der Mundwerk auch. Lothar Matthäus feiert heute seinen 65. Geburtstag – und ist trotzdem nicht in Rente, sondern im Dauereinsatz. Noch immer sitzt er samstags in der ARD-Expertenecke, donnerstags in der DAZN-Box, sonntags irgendwo zwischen Baku und Miami. 25 Weltmeisterschaftsspiele, 150 Länderspiele, ein Weltfußballer-Titel, den kein Deutscher je holte – und trotzdem ist die größte Zahl sein Alter nicht. Die ist sein Puls.
Warum kein sender auf ihn verzichtet
Kein anderes Gesicht verkaupt Topspiele so zuverlässig wie seine Fresse. Die Quoten liegen, die Twitter-Blase kocht, und selbst wenn die Formulierung mal holpert („Klinsmann war nie ein Teamplayer“), zückt jeder Produzent die Checkliste: WM-Erfahrung? Check. Skandalerfahrung? Check. Fähigkeit, in 15 Sekunden drei Sätze à Schlagzeile zu pressen? Double-Check. Matthäus liefert, weil er weiß: Wenn er schweigt, schaltet der Zapper weiter.
Die Karriere liest sich wie ein Handbuch für Selbstinszenierung. 1979 stellt der 18-jährige Frischling aus Herzogenaurach Berti Vogts beim Probetraining in Mönchengladbach flach – und den Vertrag in der Tasche. Fünfzehn Jahre später nimmt er sich die Schuhsohle kaputt, um Brehme den Elfmeter im WM-Finale zu überlassen. Dazwischen: Europameister mit 19, Weltmeister mit 29, Weltfußballer mit 29 und 30. Nachher: sieben Trainerstationen in sieben Ländern, aber nie Bundesliga. Das nagt an ihm. „Man will immer nur das sehen, was man sehen will“, sagt er seit 15 Jahren – und meint: Die Liga will ihn nicht, weil sie ihn fürchtet.

Der preis der unentwegtheit
Matthäus zahlt Zinsen für Dauerpräsenz. Fünf Ehen, fünf Scheidungen, vier Kinder, ein Dutzend Länderspielpausen wegen offener Wunden im Kabinendschungel. Der Streit mit Uli Hoeneß endete mit dem Satz: „Der wird nicht mal Greenkeeper beim FC Bayern.“ 2021 fährt er trotzdem Rasenmäher in der Arena – fürs Foto, aber immerhin. Der Film „Ein Sommer in Italien“ zeigt ihn bei Tränen über Andy Brehme und Franz Beckenbauer. Die Kamera läuft, der Mythos lebt. Denn ohne ihn wäre der deutsche Fußball ein Museum statt einer Dauershow.
Die Frage bleibt: Wann reicht es? Die Antwort lautet: nie. Matthäus‘ Herz schlägt im 90-Minutentakt. Solange es Montagsspiele gibt, wird er sitzen. Solange es Mikrofone gibt, wird er reden. Und solange es Tage wie heute gibt, wird er 65 Jahre jung bleiben – nicht älter, nur öfter erzählt.
