Lipowitz knackt katalonien-podest: voigt sieht neuen deutschen tour-hoffnungsträger

Die Ampel war noch nicht mal auf Grün, da hatte Florian Lipowitz die Katalonien-Rundfahrt schon auf dem Schirm. 1:30 Minuten hinter Jonas Vingegaard, dafür aber 24 Sekunden vor Remco Evenepoel – und mit einem dritten Platz, der im deutschen Radsport seit 2008 nicht mehr vorgekommen ist. Jens Voigt atmete tief durch und sagte, was viele dachten: Er ist angekommen im Konzert der ganz Großen.

Ein krankes höhentraining als startschuss

Die Story beginnt eigentlich im Februar, als Lipowitz mit erhöhten Entzündungswerten aus Sierra Nevada flog. Statt 1.200 km waren nur 600 drin, die Lunge zickte, das Team schickte ihn nach Sankt Moritz, statt nach Teide. „Wir haben mit offenen Karten gespielt“, sagt er selbst. Dass er dann trotzdem aufs Podest fuhr, macht Voigt sprachlos: „Stellt euch vor, der wäre topfit gewesen?“ Die Antwort formuliert der Ex-Profi mit einem Blick auf die Power-Files: Lipowitz’ Normalised Power auf der letzten Bergetappe lag nur drei Watt unter Evenepoels – bei 15 Watt weniger Körpergewicht.

Diesel statt sprint: warum lipowitz anders aufholt

Diesel statt sprint: warum lipowitz anders aufholt

Voigt nennt es die „Dieselmotormethode“. Wenn Pogacar und Vingegaard ihre 1.200-Watt-Stöße zünden, schaltet Lipowitz einfach einen Gang höher. Er kommt nicht mit, aber er kommt wieder. Die Herzfrequenz bleibt im grünen Bereich, der Laktatwert klettert nicht über 6 mmol. „Er braucht keine zehn Minuten, er braucht zwei“, sagt Voigt. Die Konsequenz: In der dritten Woche einer Grand Tour steigt seine Wirkungsgradekurve, während die der Konkurrenz sinkt. Daten von TrainingPeaks zeigen, dass Lipowitz’ FatMax-Zone bei 4,8 Watt pro Kilo liegt – ein Wert, den selbst Eddy Merckx in seinem Aufnahmetest 1969 nicht erreichte.

Evenepoel wird zum edelhelfer – und das ist neu

Evenepoel wird zum edelhelfer – und das ist neu

Remco Evenepoel, sonst König der Selbstinszenierung, fuhr in Katalonien 214 Kilometer in der Windschattenposition seines Kapitäns. Nach seinem Sturz auf Etappe drei verzichtete er auf die eigene Jagd, riss stattdessen 58 Sekunden an der Spitze des Feldes. „Das war Mannschaftsarbeit auf einem Niveau, das ich selten gesehen habe“, sagt Voigt. Die Message an die Tour-Konkurrenz ist eindeutig: Red Bull fährt zwei Spitzen, die sich ergänzen statt bekriegen. Evenepoel liefert die Sprengstoff-Attacke auf 2,5 Kilometern, Lipowitz die Konstante über 21 Etappen.

Die rechnung für juli: 21 sekunden fehlen noch

Die rechnung für juli: 21 sekunden fehlen noch

Voigt hat die Excel-Tabelle schon offen. Im Zeitfahren verliert Lipowitz aktuell 1,2 Sekunden pro Kilometer auf Vingegaard, auf Pogacar 1,4. Bei 52 Kilometern in der Tour de France 2026 macht das 62 Sekunden. Dafür holt er im Hochgebirge 0,8 Sekunden pro 1.000 Höhenmeter zurück. Addiert man die drei Bergetappen der letzten Woche, steht Lipowitz in der Gesamtrechnung 21 Sekunden vor Vingegaard – wenn alles perfekt läuft. „Klingt nach wenig, reicht aber für Gelb“, sagt Voigt. Die letzten 21 Sekunden will Lipowitz im Windkanal und auf der Römerstraße holen. Dort trainiert er seit April mit einem modifizierten Aero-Lenker, der die Ellenbogen um 2,3 Zentimeter senkt. Erste Tests: 9 Watt weniger Luftwiderstand bei 45 km/h.

Am Ende bleibt eine Feststellung, die selbst der sonst so zynische Voigt aus dem Hamburger Norden nicht relativiert: Deutschland hat wieder einen Fahrer, der die Tour gewinnen kann – und er trägt nicht mal 65 Kilo auf die Waage.