Lennart karl: ribérys verrückter kleiner bruder erobert die nationalelf
Deniz Undav schlug nach dem Abpfiff eine Tonart an, die man im Lager des DFB sonst nur von Hansi Flick kennt: schwäbisch, schnell, schwärmerisch. Sein Satz „Ein bisschen Ribéry-mäßig“ war kein Kompliment, sondern ein Bekenntnis. Der Stuttgarter hatte soeben gegen Ghana das 2:1 erzielt, trotzdem redeten alle über den 1,68-Meter-Mann links vor ihm: Lennart Karl, 18, gerade mal 34 Profispiele alt, plötzlich Zentrum der Gravitation.
Warum undavs vergleich nicht nur floskel ist
Franck Ribéry schickte Bayern-Gegner neun Jahre lang in die Irre, mit Hacken, mit Tempo, mit dem Gefühl, dass der Ball ihm mehr vertraute als seine Schuhe. Karl spielt dieselben Sequenzen, nur schneller. Die Zahl, die das belegt: 12 Scorerpunkte in 34 Einsätzen – und das, obwohl Vincent Kompany ihn ursprünglich nur für Cup-Minuten vorgesehen hatte. Die Sommer-Testspiele im Trainingslager waren eigentlich ein Schaukasten für die Analysten, stattdessen wurde Karl zur Off-Broadway-Inszenierung, live auf DAZN. Kompany stutzte, veränderte den Plan, stellte Karl auf links, dann rechts, dann zentral. Er blieb unkalkulierbar, wie Ribéry, nur jünger.
Julian Nagelsmann sprach nach dem Ghana-Spiel von „Frechheit“ und „Demut im selben Atemzug“. Das klingt nach Widerspruch, ist aber die präzise Diagnose. Karl tritt Gegner mit einem Lächeln, das aussieht, als hätte er den Scherz bereits im Kopf. Dann zieht er ab, trifft, schaut sich um, als wäre das alles selbstverständlich. Die U21-Betreuer nennen ihn intern „Klick-Klack“, weil seine Ballannahme und der erste Kontakt klingen, als schließe ein Magnet das Leder an seinen Stiefel.

60 Millionen euro – und trotzdem ein geheimtipp
Transfermarkt.de listet Karl inzwischen mit 60 Millionen Euro Marktwert. Das ist für einen Spieler, der vor zwölf Monaten noch in der U19 rannte, pervers. Und dennoch: Die Zahl wirkt konservativ. Bayern plant laut Board-Runden intern schon mit einem Drei-Generation-Linksaußen-Modell: Serge Gnabry als erfahrene Kraft, Kingsley Coman als Turbo, Karl als Variante X. Die Frage ist nicht, ob er zur WM fährt, sondern ob Nagelsmann ihn schon in den Kader der Achtzehn wirft. Die Antwort lautet: ja, wenn er lernt, abseits des Platzes lockerer zu werden. Undav verriet das mit einem Grinsen, das zwischen Vaterkomplex und Kumpelgeist schwankt: „Er redet nur über Taktik, nie über Netflix. Ich geb ihm noch zwei Wochen, dann muss er Serien-Quotenvorschläge liefern.“
Die Ironie: Ribéry war bekannt dafür, Nachrichten zu ignorieren und stattdessen PlayStation zu zocken. Karl hingegen studiert Gegner-Dateien auf dem iPad, bis der Akku schlappmacht. Das macht ihn gefährlicher, aber auch anfälliger für den berüchtigten Zweitspiel-Jammer, wenn der Kopf mehr weiß als die Beine. Kompany hat ihm deshalb ein Limit gesetzt: maximal 20 Minuten Video pro Tag, danach muss raus auf den Platz, Ball, Sonne, Freiheit.

Die wm-ticket-verschwörung
Nagelsmanns Stab hat intern eine Mappe „Karl“ angelegt. Darin: Laufwege gegen Tiefe, Druckverhalten gegen Sechser, Pässe in halbräumige Lücken. Die Analysten haben errechnet, dass Karl in 73 Prozent der Fälle die richtige Option wählt – Spitzenwert für einen Flügelflitzer. Die einzige Schwäche: defensive Rückwärtsbewegung nach Ballverlust. Die wird trainiert, indem man ihm Ribéry-Videos zeigt – allerdings nur die Szenen, in denen Ribéry noch jagt, nachdem er verloren hat. Die Botschaft: Größe ist ersetzbar, Einstellung nicht.
Am 15. Mai wird Nagelsmann seinen vorläufigen WM-Kader benennen. Karl steht auf Listenplatz 24 von 35. Die Entscheidung fällt nicht im Trainingszentrum Herzogenaurach, sondern im Kopf eines 18-Jährigen, der noch bei seiner Mutter wohnt und deren Essensplan akzeptiert. Wenn er weiter trifft, wird er im Juni nach Kanada fliegen. Wenn nicht, bleibt die U21. Die Wette: Er trifft. Denn die Bundesliga hat noch keinen Ribéry-Ersatz erfunden, der schneller ist als das Original.
Bayern plant, Karl bis 2029 zu binden. Die Klauseln sind bereits formuliert, die Unterschrift soll nach der WM folgen. Dann wäre er 21, Ribéry 45. Der Franzose könnte persönlich gratulieren. Oder warnen. Je nachdem, wie viele Gegner bis dahin schon auf dem Rasen liegen.
