Heidelberger studie widerlegt mythos: charakter lässt sich auch mit 78 noch umbauen

Die Devise „Alt bleibt alt“ gilt nicht mehr. Wer mit 70 noch knatschig war, muss das nicht bis zur letzten Stunde bleiben – das belegen Daten von 165 Erwachsenen, die acht Wochen lang zweimal pro Woche an Trainings-Sessions der Universität Heidelberg teilnahmen.

Training statt schicksal

Die Versuchspersonen waren zwischen 19 und 78 Jahre alt. Erste Überraschung: Die über 60-Jährigen profitierten genauso stark von dem Programm wie die Zwanzigjährigen. Zweite Überraschung: Ein Jahr später hatten sie ihren Gewinn an emotionaler Stabilität sogar besser konserviert als die Jüngeren. Die Wissenschaftler um die Heidelberger Psychologin Dr. Mirjam Stieger hatten zwei jener Eigenschaften ins Visier genommen, die Menschen am häufigsten ändern wollen: emotionale Ausgeglichenheit und Extraversion.

Der Ablauf war streng strukturiert. Vier Wochen lang lernten die Probanden, Stress abzubauen und Gefühle zu regulieren. Danach ging es um soziale Kompetenz: Grenzen setzen, Smalltalk meistern, Konflikte entschärfen. Jeder hatte einen „Übungspartner“, führte Tagebuch und erledigte tägliche Mini-Aufgaben. Die Älteren erwiesen sich als fleißiger: Sie erledigten mehr Hausaufgaben, hörten öfter die Audioanleitungen und meldeten sich freiwillig zu Zusatzterminen. Die Jüngeren kamen mitunter unvorbereitet, weil Job, Studium oder Party dazwischenkamen.

Der preis der veränderung

Der preis der veränderung

Allerdings: An dem Programm nahmen nur Menschen teil, die es sich leisten wollten – und das wörtlich. Die meisten zahlten eine Eigenbeteiligung, weil sie sich selbst auf den Prüfstand stellen wollten. Die Ergebnisse zeigen daher, dass Veränderung möglich ist, aber nur unter einer Bedingung: Sie muss gewollt sein. Die Daten lassen sich nicht einfach auf die Bevölkerung draufschlagen. „Wer nicht mitspielt, bleibt, wer er ist“, sagt Stieger lapidar.

Die Studie liefert aber ein handfestes Argument gegen das Gemecker vom „alten Hund“. Die neuronale Plastizität schrumpft nicht mit dem Geburtsjahr – sie schrumpft mit der eigenen Bequemlichkeit. Wer mit 70 noch bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, kann seine Biografie neu justieren. Die Heidelberg-Forscher sprechen von „lernbasierten Persönlichkeitsinterventionen“ – das klingt nach Labor, ist aber Alltag: ein Nebenjob, ein Umzug, ein Streit, der endlich ausgetragen wird. Neue Kontexte erzwingen neue Reaktionen. Die Studie bestätigt: Wer sich bewegt, verändert sich. Wer stehen bleibt, versteift.

Die Botschaft ist hart und beruhigend zugleich: Das Schicksal liefert keine Ausreden mehr. Das einzige, was zwischen mir und einer ruhigeren, offeneren Version von mir selbst steht, ist der eigene Schweinehund – und der lässt sich mit 78 ebenso überlisten wie mit 18.