Glötzner startet als außenseiter – traum von paralympics-medaille droht zu platzen
Christoph Glötzner kennt die Geschwindigkeit, die er braucht, um Weltklasse zu sein. Was er nicht kennt, ist die Geschwindigkeit, die er bräuchte, um in Cortina endlich Edelmetall zu holen. Der 22-jährige Oberpfälzer gilt als bester einbeiniger Skifahrer des Planeten – und genau das macht ihn wütend.
„Ich reise nicht als Favorit an“, sagt er, während er die Ski in der Hand dreht, als wären sie Schuld. „Aber das ist ein Lebenstraum von mir.“ Freitag Riesenslalom, Sonntag Slalom. Zwei Rennen, zwei Starts, eine Chance – vielleicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles zusammenpasst, entspricht eher einem Wettergaukler als einer Sportprognose.
Die regeln spielen gegen ihn
Seit drei Jahren kämpft Glötzner gegen ein Klassifikationssystem, das ihn systematisch benachteiligt. Der Zeitfaktor für einbeinige Athleten sei zu knapp kalkuliert, moniert er. „Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann sieht man in den letzten Jahrzehnten, dass die Einbeiner klar benachteiligt sind.“ Es gab eine Anpassung – „aber von den Ergebnissen hat sich doch nichts getan.“
Die Folge: Er muss perfekt fahren. Die Konkurrenz nur gut. „Ich habe keine Lust, ewig hinterherzufahren“, sagt er. Der Satz klingt wie ein Tiefschlag gegen das, was Parasport eigentlich verspricht: faire Chancen. Stattdessen wird er vor jedem Start mit einer Gleichung konfrontiert, die nicht aufgeht.
Die Unfallgeschichte kennt jeder im Skizirkus: Rasenmähertraktor, drittes Lebensjahr, amputiert. Was danach kam, ist Sportgeschichte. 60 Stunden Training pro Woche, zwei Sommer auf Gletschern, drei Stürze mit Kreuzbandriss. „Irgendwo hat man schon den Anspruch, dass man dauerhaft zur Weltspitze gehört“, sagt er. „Wenn man da im Vorhinein keine Chance sieht, ist es eine krasse Motivationsbremse.“

Cortina wird zur schicksalsfahrt
Trotzdem will er nicht jammern. Er will fahren. „Es muss das Fünkchen Glück dabei sein, die Bedingungen müssen passen. Die Kurssetzung und Pistenverhältnisse müssen so sein, dass man als einbeiniger Athlet überhaupt eine Chance hat.“ Seine einzige echte Chance: ein kürzeres, technisches Gerinnen mit vielen Richtungswechseln. Dort, wo die Prothesen der Zweibeiner nicht mitmachen, könnte er einmal zustoßen.
Falls nicht, nimmt er sich trotzdem eine Medaille – die, die niemand zählt. „Auch wenn es dafür dann kein Edelmetall gibt, ist dieser Vergleich eben am fairsten.“ Dann wäre er eben der beste Einbeiner der Welt. Punkt. Und vielleicht, so sagt er leise, „ändert sich nach Cortina was“. Er wird jedenfalls dafür sorgen, dass sie ihn nicht ignorieren können. Weder auf der Piste. Noch danach.