Kwasniok platzt der kragen: „das geht mir auf den sack“ – var-chaos treibt köln in den wahnsinn

Lukas Kwasniok schlägt mit der flachen Hand auf das Mikro, die Stimme zittert zwischen Lachen und Wut. „Ich will es mittlerweile gar nicht mehr verstehen“, sagt der 1. FC-Köln-Trainer, und klingt dabei, als hätte er gerade das letzte Soufflé an Geduld verspeist. Die Szene: 34. Minute im Volksparkstadion, William Mikelbrencis rammt Kristoffer Lund, trifft ihn an der Achillessehne, lässt ihn fallen. Pfiff? Fehlanzeige. VAR? Stumm. Der Rest ist ein Monolog, der den ganzen Samstagmorgen durcheinanderwirbelt.

Die woche davor rot, heute nicht mal freistoß

Die Zahlen sind schonungslos: 7 VAR-Reviews in den letzten fünf Köln-Spielen, 4 Entscheidungen gegen die Geißböcke, 2 Rote Karten – eine mehr als jeder andere Bundesligaclub kassierte. „Wir haben Jahmai Simpson-Pusey wegen derselben Grätsche in Dortmund vom Platz gestellt bekommen, heute ist es kein Mal eben Foul“, sagt Kwasniok. Seine Lippen zucken. „Dieselbe Grätsche, derselbe Kontaktpunkt, anderer Ausgang. Ich bin kein Schiedsrichter, aber ich bin auch nicht blind.“

Der Coach hat sich eine Mappe angelegt: 37 Seiten, jede einzelne VAR-Intervention der Saison fotografiert, kommentiert, mit Zeitstempel versehen. Er blättert demonstrativ, während er spricht. „Ich habe keine Lust mehr, mir einzureden, dass das Zufall ist. Das ist ein Systemfehler, und wir sind die Testpersonen.“

Die verbale atemspende, die die liga nicht hören will

Die verbale atemspende, die die liga nicht hören will

Kwasniok ist kein Schreihals, er ist Sprachwissenschaftler mit Fußballschuhen. Als er sagt, „das geht mir auf den Sack“, klingt das wie ein akademischer Vortrag, nur mit mehr Schmerz. „Wir reden über Schrittfolgen, über Trefferbilder, aber am Ende entscheidet ein Pixel im 3D-Modell, ob ein Knie zu hoch war. Dabei haben wir vergessen, dass Fußball ein Kontaktsport ist, kein Pixelspiel.“

Die Kölner Kabine ist nach dem 1:1 leer gefegt. Die Spieler duschen länger als sonst, als wollten sie die Ungerechtigkeit abspülen. Lund humpelt, sein Knöchel ist verdickt, aber er sagt nur: „Ich bin froh, dass der Trainer laut wird. Wir werden sonst wahnsinnig.“

Resignation als taktik

Resignation als taktik

Kwasniok kündigt an, dass er künftig auf Nachfragen zum VAR schweigen wird. „Ich will den Jungs keine Energie mehr rauben, indem ich gegen Windmühlen diskutiere.“ Das ist keine Kapitulation, sondern ein strategischer Rückzug. Der Club prüft intern, ob man sich mit anderen Vereinen zu einer Klage gegen die Spielregelauslegung zusammenschließt. Die Beweislast liegt auf dem Tisch – 37 Seiten stark.

Am Sonntagvormittag schickt Kwasniok seinen Co-Trainer eine WhatsApp-Sprachnachricht. Man hört Stadionlärm im Hintergrund, er spricht leise: „Wir müssen dreimal so schnell laufen, weil wir wissen, dass jede Zweikampf-Szene gegen uns entschieden werden könnte.“ Kein Smiley, keine Pointe. Nur die Erkenntnis, dass Fairness in dieser Saison eine Frage der Fitness ist.

Die Bundesliga kann ihn nicht mehr hören, die Liga will Fortschritt ohne Rückspiegel. Kwasniok aber hat schon die nächste Mapfe vorbereitet: 50 leere Seiten, bereit für die nächsten 50 VAR-Entscheidungen. Er wird sie füllen. Und irgendwann wird jemand sie lesen müssen – wenn nicht auf dem Platz, dann vor Gericht.