Mainz zittert vor olmütz: fischer schlägt den underdog-kurs ein

Sie reden sich klein, um groß zu werden. Vor dem ersten Europacup-Achtelfinale der Vereinsgeschichte betont der 1. FSV Mainz 05 die Stärke von Sigma Olmütz – und schickt dabei eine Botschaft an die eigene Mannschaft: Kein Selbstzweifel, nur Respekt.

Urs fischer will keine favoritenrolle

„Eine kompakte, gut organisierte Mannschaft, sehr eingespielt, geradlinig, effizient, gefährlich bei Standards und körperlich robust“, zählt der Trainer auf, als hätte er das Scout-Präsentiert selbst erstellt. Die Formel dahinter: Je mehr Lob der Gegner bekommt, desto weniger Druck lastet auf den eigenen Schultern. Denn die Bundesliga-Realität ist gnadenhaft: Mainz steht nur zwei Punkte über dem Strich, die Liga-Angst im Nacken. Europa wirkt wie ein Freifahrtschein aus dem Alltag.

Phillip Tietz, 27, heute Abend erstmals international gefordert, gibt sich entspannt: „Ich bin nicht besonders nervös, im Moment fühlt es sich an wie ein normales Auswärtsspiel.“ Später, verrät er, „werde ich mich im Bett dolle freuen“. Die Szenerie erinnert an Schulschiff-Vorfreude: Die Koffer gepackt, das Ausmaß der Reise erst auf See spürbar.

Stefan becker fehlt – und anthony caci kehrt zurück

Stefan becker fehlt – und anthony caci kehrt zurück

Die UEFA-Regel, nur drei Winter-Neuzugänge für das Weiterkommen anzumelden, schmeißt den Kader durcheinander. Sheraldo Becker, erst im Januar aus Berlin gekommen, muss zuschauen. Stattdessen laufen Stefan Posch, Silas und Tietz auf. Die Entscheidung traf der Club, nicht der Trainer – ein interner Machtpoker, der Becker bitter trifft.

Positiv: Anthony Caci, der Franzose mit der lädierten Sehne, trainierte gestern erstmals wieder mit der Mannschaft. Sein Comeback ist für Anfang April eingeplant, ein Lichtblick in der englischen Woche. Stefan Bell, angeschlagen, flog nicht mit, könnte aber am Sonntag in Bremen wieder einsatzbereit sein. Die Verletztenliste wird kürzer – der Kader enger.

Fischer setzt auf Mischung aus Fokus und Leichtigkeit„Es ist wichtig, genau diese Mischung hinzubekommen“, sagt Fischer. Gemeint ist das Balanceakt zwischen Liga-Sorgen und Europahoch. Die letzten beiden Bundesliga-Spiele (2:2 gegen Stuttgart, 1:0 in Freiburg) gaben Selbstvertrauen, doch die Tabellensituation erlaubt keinen Ausrutscher. Deshalb das Mantra: Erst Olmütz, dann Bremen. Schritt für Schritt. Spiel für Spiel.

Die Fans reisen trotzdem mit Wechselgesang: „Europa wir kommen“ skandierte eine erste Gruppe am Hauptbahnhof, als der Zug Richtung Prag rollte. Dort angekommen, wird der Bus noch zwei Stunden über tschechische Landstraßen kurven, bis das Stadion von Sigma die Lichter anwirft. Für Mainz ist es ein historischer Abend. Für Olmütz eine Chance, sich auf deutscher Bühne einmal richtig zu profilieren.

Kurz vor Mitternacht wird Fischer noch einmal den Rasen betreten, die Stille genießen, die Kugel im Kopf drehen. Dann ist Schluss mit Underdog-Gerede. Dann zählt nur noch das Ergebnis. Und das kennt in der Europa-Conference-League bekanntlich kein Puckel. Es gibt Sieg oder Niederlage. Alles andere ist Rhetorik.