Kovac zerreißt seine eigenen spieler: drei punkte, null seele
Ein Sieg, der schmeckt wie warme Cola. Niko Kovac stemmte sich nach Abpfiff in Köln gegen die Euphorie, stampfte sie mit drei Sätzen in den Boden. „Außer den drei Punkten, mit denen ich zufrieden bin, kann ich nicht zufrieden sein.“ Kein Satz klingt im Vereinsviertel so oft wie dieser – doch selten meinte ihn ein Trainer so ehrlich wie der 54-Jährige nach dem 2:1 beim Aufsteiger.
Seine Borussia bewegte sich 45 Minuten lang wie durch Watte, obwohl Serhou Guirassy nach Viertelstunde schon traf. Als Köln mit zehn Mann stand – Rot gegen Jahmai Simpson-Pusey (45.+2) –, glaubten viele an die Abreibung. Stattdessen: ein BVB, der sich selbst ausklingen ließ. Maximilian Beier erhöhte, doch Jakub Kaminski (88.) nagelte den Bundesliga-Dritte auf die Latte.
Die 88. minute als spiegelbild einer saison
Kovac’ Stimme kratzte, als er die Szene analysierte. „Wenn jeder irgendwo einen Meter weniger macht, sieht es so aus, wie es aussieht.“ Die Rechnung: 11 Einzelkämpfer minus Laufbereitschaft ergibt einen Punktverlust, der nur durch mangelnde Kreativität der Kölner verhindert wurde. Die Zahlen bestätigen den Eindruck: 13 Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, nur vier Torschüsse nach der Pause – beides Saisonnegativwerte.
Die Folge: Das Königsklassen-Aus in Bergamo (1:4) und der Klassiker-Knaller gegen Bayern (2:3) haben die letzten Träume zertrümmert. Die Teilnahme an der Champions League ist zwar mit acht Punkten Vorsprung auf Platz fünf so gut wie sicher, doch das reicht Kovac nicht. „Das geht nicht“, wiederholte er wie einen Mantra, der am Sonntagmorgen noch durch das Trainingszentrum hallte.

Brandts letzte neun spiele in schwarz-gelb
Während die Mannschaft auf dem Rasen stolperte, erledigte Sport-Geschäftsführer Lars Ricken im Keller der Arena die unangenehme Pflichtaufgabe: Der Vertrag von Julian Brandt wird nicht verlängert. „Er wird in ein paar Wochen 30, wir können uns ein bisschen neu orientieren“, sagte Ricken bei Sky. Die Botschaft: Trennung auf Augenhöhe. 298 Pflichtspiele, 56 Tore – eine Ära endet mit einem Handschlag statt mit Fanfare.
Kovac schlug sogar einen versöhnlichen Ton an: „Ich wünsche meinem lieben Jule wirklich alles Gute. Noch neun Spiele wird er mit uns kämpfen. Dann werden wir ihn weiter verfolgen – nur nicht mehr in unseren Farben.“ Ein Satz, der wie ein Abschiedslied klingt, das zwischen den Protestrufen der Fans steckt, die mehr wollen als nur Punkte.
Die Saison ist gerettet, die Seele der Mannschaft aber ramponiert. Kovac muss nun beweisen, dass er nicht nur Taktik, sondern auch Moral trainieren kann. Die nächsten neun Spiele sind seine letzte Chance, bevor die Sommerpause die Wunden bloßlegt. Der Trainer weiß: Punkte allein reichen nicht – das Pulver für die Fans muss wieder knallen, sonst bleibt nur ein Sieg, der wie Niederlage schmeckt.
