Kimmich zieht die fäden: dfb-kapitän packt über nominierungen aus
Joshua Kimmich sitzt in der eigenen Akademie, spricht mit dem SWR – und liefert das erste Mal ein Stimmungsbild aus dem Inneren der DFB-Kabine. Die Aussage, die durchs Netz geht: „Man tauscht sich schon aus.“ Kein offizielles Mitbestimmungsrecht, aber ein deutliches Signal: Der Kapitän will gehört werden, wenn Julian Nagelsmann seine 23 WM-Reisenden zusammenstellt.
Die machtfrage hinter den kulissen
Kimmich redet nicht lange um den heißen Brei herum. Er nennt es „Austausch“, doch gemeint ist: Die Spieler sprechen über Kollegen, die sie sich wünschen – und über jene, die sie vermissen. Angelo Stiller vom VfB Stuttgart ist das aktuelle Beispiel. Nagelsmann ließ den Sechser zuletzt links liegen, in der Stuttgarter Kurve brodelt es. Kimmich schiebt sich geschickt in die Mitte: Er lobt Stiller, betont aber auch, dass „Nominierung Aufgabe des Trainers“ bleibt. Diplomatie mit Beißreflex.
Die WM 2026 rückt näher, die Testspiele gegen die Schweiz und Ghana gelten als Endausscheid. Kimmich fordert „100-Prozent-Einsatz“ und schließt nicht aus, dass er intern Nachfragen stellt, wenn wieder ein Leistungsträger fehlt. Seit der Enttäuschung von Katar 2022 hat sich seine Rolle gewandelt: vom Streitkolben zum Gewissen der Mannschaft. Die Zahlen sprechen für ihn: 102 Länderspiele, 67 Siege – aber keine K.o.-Partie bei einer WM. Genug Stoff für ein persönliches Endspiel.

Heimat als antrieb, nicht als anker
Zwischen den Zeilen schimmert ein weiteres Thema: die Vereinslogik. Mit Bayern München gewinnt Kimmich Titel im Takt, im DFB-Trikot stagniert er. Er weiß, dass sich Automatismen nur bilden, wenn sich Spieler auch außerhalb der Länderspieltermel kennen. „Viele Bayern auf dem Platz helfen“, sagt er offen – und meint indirekt: Je mehr Münchner, desto besser die Chancen, dass die eigene Spielphilosophie Fuß fasst. Ein Seitenhieb auf die Dortmunder Konkurrenz? Er lächelt nur.
Die „Kimmich Academy“ in Rottweil liefert das passende Bild: Hier will er Talente fördern, ohne dass sie ihr Elternhaus verlassen müssen. 1,2 Millionen Euro hat der 31-Jährige in die Anlage gesteckt, 120 Kinder trainieren bereits. Der Regionalligist SSV Reutlingen liefert erste Kooperation, Sponsoren stehen Schlange. Kimmich redet nicht über Karriereende, aber er baut ein Netz für danach. Die Botschaft: Fußball ist Verantwortung – nicht nur auf dem Rasen.
Am Ende bleibt ein Satz hängen: „Es darf nicht sein, dass irgendjemand keine Lust hat, ein Länderspiel zu machen.“ Kimmich spricht nicht über sich, er spricht über Kultur. Eine, die sich ändern muss, wenn der DFB wieder zu altem Glanz finden will. Die WM 2026 wird zeigen, ob der Kapitän nur redet – oder ob er wirklich die Fäden zieht.
