Kimmich und seine 95er-generation: jetzt zählt nur noch der titel, sonst bleibt nur das etikett „versager"
Joshua Kimmich betrat die Bühne in Herzogenaurach wie ein Mann, der weiß, dass 78 Tage bis zur WM nichts sind – aber auch, dass sie seine letzte Chance sein könnten. Die Uhr tickt für die Jahrgänge 1995/96, einst deutsche Goldader, heute ein Hauch von „Fast-Größe". Confed-Cup 2017? Ein Schulpreis im Vergleich zu dem, was sie schulden.
Die Bilanz ist ein Hieb ins Gesicht: zwei Vorrunden-K.o.s, kein EM-Titel, kein WM-Titel. Kimmich, Gnabry, Goretzka, Sané – Namen, die in Klub-Fan-Chören Unsterblichkeit besitzen, in der DFB-Statistik aber nur eine Fußnote sind. Mats Hummels, der 2014 noch mit der Trophäe durch Maracanã tanzte, spricht es aus: „Viele Weltmeisterschaften hat diese Generation nicht mehr.“

Der druck kommt nicht von löw, flick oder den medien – er sitzt zwischen den ohren
Kimmich sagt, er fürchte sich nicht vor Löchern. Doch wer ihn beim 0:4 gegen Japan in Katar erlebte, sah einen Kapitän, der mit der Zunge schnalzte, als wäre sein Mund voller Sand. Die „Angst, in ein Loch zu fallen“, hat er selbst benannt. Dreißig Jahre alt, 85 Länderspiele, null Finalsieg. Die Zahlen sind sein Schatten.
Thomas Müller, 36, wirft die Frage auf, wer eigentlich noch mitspielt: „Manche lieben den Druck sogar.“ Liebe ist hier das falsche Wort. Es ist ein Zwang, der beim ersten Fehlpass in der Gruppenphase gegen Marokko zuschlägt und nicht mehr aufhört, bis der Flieger nach Hause startet. Wer bei dieser WM scheitert, darf sich nicht mehr hinter „junge Wilden“ verstecken. Die Wildheit ist erlahmt, die Jahre sind verbraucht.
Deshalb wirkt Kimmich in der Audi-Halle so präsidial. Er redet wie ein Coach, weil er weiß: Seine Generation michtet sich selbst. Kein Bundestrainer kann ihr mehr beibringen, wie man eine Trophäe trägt. Das muss sie lernen – oder für immer als „die Talente, die es nie wurden“, in Lexika stehen.
Die USA, Kanada, Mexiko – das Turnier der letzten Tone. 2030 wäre Kimmich 35, Sané 34, Gnabry 34. Selbst ein Ronaldo-Modus würde sie nicht retten. Also bleibt Juli 2026. Ein Monat, der über Eintritt in die Geschichtsbücher oder in die Schublade „Verpasste Chancen“ entscheidet. Die Uhr läuft. Und sie läuft gegen sie.
