Kamil stoch nimmt abschied: der letzte flug eines polnischen giganten
Die Letalnica hallte ein letztes Mal von diesem Namen. Kamil Stoch, 38, setzte sich am Sonntag in Planica auf die Balken, atmete zweimal tief durch und flog 226 Meter weit – nicht sein längster Sprung, aber der Endpunkt einer Epoche. Unten wartete Ehefrau Ewa mit der Nationalflagge, neben ihr 19 Nachwuchs springer des KS Wisła Kraków, die ein Spalier bildeten. Die Szeneri war so stimmig, dass selbst slowenische Zuschauer polnische Lieder mitsangen.
Die queen winkt ab, der könig landet
Stochs Karriere endet mit 39 Weltcuperfolgen, drei Olympiasiegen, zwei WM-Titeln und drei Vierschanzentournee-Siegen – Zahlen, die ihn selbst Adam Małysz vor die Nase setzen. Doch die Bilanz war gestern nur Nebennote. Entscheidend war das Gefühl, das sich über die Arena legte: eine Mischung aus Dankbarkeit und leiser Erleichterung. „Ich bin müde“, sagte er nach dem Sprung, „und enttäuscht, dass es heute nicht geklappt hat. Aber ich bin bereit für ein neues Leben.“
Die Enttäuschung bezog sich auf Platz 18 im zweiten Durchgang – weit weg von Podesträumen, doch das war egal. Die 30 000 Zuschauer feierten ihn, als hätte er wieder Gold geholt. Dabei war der Tag von Anfang an inszeniert wie ein Staatsakt: Ewa Stoch übernahm den Trainerposten, ein Symbol für die Familie, die hinter jedem Meter Flug stand. Die polnische Presse schrieb vom „letzten Sprung eines Giganten“, nannte ihn „Ikone, Legende, Symbol des polnischen Sports“. Kein Superlativ war zu groß.

Planica – ort der superlative und der liebe
Dass Stoch sich für Planica entschied, war kein Zufall. Hier flog er 2017 seine Bestweite von 251,5 m, hier gewann er drei Weltcup springen, hier schlug er 2015 seiner Frau einen Heiratsantrag. Die Letalnica ist sein persönlics Feld von Flandern, sein Wembley, sein Centre Court. Als er gestern den Auslauf verließ, kniete er sich kurz, berührte den Schnee und kreuzte sich. Ein stiller Abschied, der lauter war als jede Rede.
Die nächste Generation wartet bereits. Kacper Tomasiak, 19, sammelte bei seinen ersten Olympischen Spielen in Italien drei Medaillen ein. Polen liebts seine Helden, aber es verschlingt sie auch gern. Tomasiak wird bald merken, dass Stochs Schatten lang ist. Die Messlatte liegt bei 39 Siegen und dem Ruf, ein ganzes Land wieder auf die Beine geholfen zu haben, als es kaum Luft zum Atmen hatte.
Stoch selbst wird künftig im Verwaltungsrat des polnischen Skiverbandes mitarbeiten und den Nachwuchs coachen. Er wird nicht verschwinden, nur nicht mehr fliegen. Für viele Polen wird das reichen. Denn wer einmal drei Mal olympisches Gold geholt hat, muss nicht mehr abheben, um hoch zu bleiben.
