Kahn packt aus: tuchels bayern-fehlstart und real madrids unstillbarer durst nach triumphen
München – Oliver Kahn, die prägende Figur des FC Bayern München der vergangenen Jahrzehnte, hat in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Gründe für die gescheiterte Zusammenarbeit mit Thomas Tuchel analysiert und gleichzeitig eindrücklich die Mentalität bei Real Madrid geschildert. Die Äußerungen des Ex-Vorstandsvorsitzenden kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn am Dienstag empfängt der FC Bayern die Königlichen im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League.
Die menschliche komponente: mehr als nur ein profil
Kahn, der Tuchel als Nachfolger von Julian Nagelsmann holte, räumt ein, dass die Entscheidung auf dem Papier logisch schien. „Man hat gedacht: Bei Thomas Tuchel passt alles, das ist die logische Lösung“, so Kahn. Doch der Teufel lag im Detail. „Am Ende geht es nicht nur um Profile, sondern auch darum, ob es menschlich passt. Und das ist nicht immer planbar.“ Nur 61 Spiele durfte Tuchel auf der Bank des FC Bayern verbringen, bevor seine Zeit abgelaufen war – deutlich weniger als Kahn selbst, der Ende Mai 2023 seinen Abschied nehmen musste.
Die kurze Amtszeit Tuchels wirft Fragen auf, doch Kahn’s Einschätzung ist schlichtweg ehrlich: Es ging um mehr als nur Taktik und Erfolg. Es brauchte einen Trainer, der sich in den Verein integriert und dessen Persönlichkeit zur Kultur des FC Bayern passt. Ein Faktor, der offenbar nicht gegeben war.

Real madrids unbarmherzige perfektion
Doch Kahn spricht nicht nur über den FC Bayern. Er widmet sich auch seinem ehemaligen Gegner, Real Madrid, und zeichnet ein erschreckendes Bild von der dortigen Mentalität. Der Ex-Torwart, der in seiner Karriere zwölfmal gegen die Blancos spielte und dabei sieben Duelle für sich entscheiden konnte, warnt vor der Intensität des Spiels im Bernabéu: „90 Minuten im Bernabéu sind so anstrengend wie nirgendwo sonst.“
Er erinnert sich an ein Spiel, in dem er als Torwart im Netz stand und verzweifelt auf einen Fehler der Madrilenen wartete. „Ich kann mich an ein Spiel in Madrid erinnern, da stand ich in meinem Tor, hab‘ den Real-Spielern zugeschaut und gedacht: Jetzt macht doch bitte mal einen Fehler! Dass mal ein Ball unterm Fuß durchrutscht oder ein Pass nicht ankommt – irgendwas, was uns eine kurze Atempause ermöglicht.“ Doch diese Atempause blieb aus: „Höchste Präzision, immer die richtige Entscheidung. Da habe ich gedacht: Was für eine Mannschaft!“
Kahn’s Enthüllung über die Nachwuchsakademie der Königlichen ist dabei besonders eindrücklich: An der Toilettenwand hängt ein Bild vom Champions-League-Pokal. „Wo immer man hingeht in dieser Akademie, überall verfolgt einen der Henkelpott.“ Ein Beweis dafür, dass bei Real Madrid der Erfolg alles überstrahlt – und dass der Druck, diesen Erfolg zu wiederholen, immens ist. Die Atmosphäre im Bernabéu mit dem nun installierten Dach wird dabei noch einmal verstärkt, so Kahn. „Das Publikum ist deutlich intensiver als in Barcelona, man hat das Gefühl, alles drückt dich nach unten. Die Atmosphäre kann einen einschüchtern.“
Die bevorstehende Champions-League-Partie zwischen Bayern und Real verspricht ein Duell auf höchstem Niveau zu werden. Doch Kahn’s Worte mahnen: Nur mit einer perfekten Leistung und einem eisernen Willen hat der FC Bayern eine Chance.
