Julian köster bekommt award – doch er weigert sich, im rampenlicht zu stehen

Julian Köster trägt Trikot-Nummer 23, doch seit Februar steht hinter seinem Namen eine andere Zahl: 1. Platz beim German Handball Award – Kategorie „Engagementpreis“. Jetzt wurde ihm die Trophäe im Rahmen des Länderspiels Deutschland gegen Ägypten überreicht. Die Geste dauerte 30 Sekunden, dann schlüpfte Köster wieder in die Rolle, die ihm wichtiger ist als jede Medaille: die des stillen Anstoßers.

Warum ein nationalspieler freiwillig in die zweite reihe rückt

Köster ist Special-Olympics-Botschafter. Kein Werbe-Gag, keine Social-Media-Kulisse. Seit 2024 baut er in Münster, Köln und Gummersbach inklusive Handball-Trainings auf, bucht Turnhallen, sortiert Bälle, stellt sich vor 30 lachende Athleten mit und ohne Behinderung und sagt: „Erst wir, dann ich.“ Die Reaktion der Athleten nach 45 Minuten Kreislauf und Wurftraining: „Wann geht’s weiter?“ Seitdem hat Köster drei feste Trainingsgruppen ins Leben gerufen – ohne Instagram-Story, ohne DHB-Budget, nur mit seinem Namen und seinem Wochenende.

Die Jury lobte genau dieses „nachhaltige Impulse setzen“. Was heißt: Er schafft Angebote, die ohne ihn nicht verschwinden. Beispiel NRW-Landesspiele 2024. Köster stakste nicht über den roten Teppich, sondern stand an der Anmeldung, schrieb Startnummern auf und vertrieb Schweißgeruch mit schlechten Witzen. „Ich bin Teil von Special Olympics, nicht deren Star“, sagt er. Satz fällt auf, weil ihn sonst niemand zitiert. Kein Selfie, kein Blitzlicht.

Die zahlen hinter der hingabe

Die zahlen hinter der hingabe

15 inklusive Events hat er 2024 mitorganisiert, 120 neue Spielerinnen und Spieler gewannen den Handball, zwei Vereine gründeten feste Inklusions-Abteilungen. Die Quote: jede Aktion generiert 1,3 neue Dauerteilnehmer. Die Messlatte steckt nicht der DHB, sondern die Athleten selbst. „Die besten Botschafter für sich“, nennt Köster sie – und schiebt sich selbst ans Spielfeldrand.

Beim VfL Gummersbach nutzt er seine Bundesliga-Muschelstunde, lädt Special-Olympics-Mannschaften ins Training, verpflichtet Team-Kollegen als Co-Trainer. Gummersbach zahlt Hallenmiete und Wasser. Mehr nicht. Die Kosten: 3.200 Euro pro Jahr. Die Wirkung: einziger Bundesligaclub mit wöchentlichem Inklusions-Training. Andere Clubs telefonieren mittlerweile nach, wollen das Rezept. Köster schickt Excel-Listen, keine PR-Flyer.

Warum das thema heute wichtiger ist als der bundesliga-spieltag

Warum das thema heute wichtiger ist als der bundesliga-spieltag

Deutschland diskutiert Inklusion meist, wenn Barrierefreie Toiletten fehlen. Köster zieht die Debatte aufs Spielfeld. Sein Credo: „Sport verbindet, wenn man sich trifrt, nicht wenn man übereinander spricht.“ Die Trophäe steht jetzt im Büro seiner Eltern, zwischen alten Pokalen und einem vergilbten Foto, wie er als Zwölfjähriger noch normal hochschaut, nicht herunterschaut wie heute, wenn Kinder mit Down-Syndrom ihn fragen, ob er den „coolen Trick“ noch mal zeigt.

Special Olympics Deutschland zählt 35.000 Mitglieder. Die größte Sportorganisation für Menschen mit geistiger Behinderung wächst gerade um 7 % pro Jahr – dank Leuten wie Köster, die keine Pressekonferenz einberufen, sondern einfach Hallen aufschließen. Die nächste Trainingseinheit steht am Freitag an. Anmeldung läuft über WhatsApp, Admin ist Köster selbst. 28 haben zugesagt, Platz für 30. Wer kommt, erfährt erst, wenn die Halle dunkel, der Boden kalt und Köster bereits aufpasst, dass niemand ausrutscht.

Er könnte mit dem Award jetzt TV-Termine buchen, Sponsoren locken, Talkshows bestücken. Stattdessen schreibt er den Captains der 2. Liga: „Wenn ihr eine Halle habt, meldet euch.“ Die Antwortquote: 80 %. Die Trophäe mag glänzen, doch Köster schaut lieber auf Betonböden – und auf die Augen von Menschen, die endlich frei werfen, ohne dass jemand zählt, wie viele Fehlwürfe sie produzieren.