Julia scheib: 'neben mir hätte eine bombe einschlagen können'
Julia Scheib hat die kleine Kristallkugel im Riesenslalom bereits vor dem letzten Saisonrennen in der Tasche – und das mit einem Vorsprung von 189 Punkten auf Camille Rast. Fünf Siege, zwei zweite Plätze, eine Disziplin komplett dominiert. Die 27-jährige Österreicherin ist die erste Frau aus dem ÖSV seit einem Jahrzehnt, die diese Kugel gewinnt. Im Exklusivgespräch mit Eurosport-Expertin Viktoria Rebensburg erklärt Scheib, was hinter dieser Saison steckt – und was sie sich für die Zukunft vorgenommen hat.
Der schlüsselmoment, der alles verändert hat
Es begann in Sölden. Das Auftaktrennen, zweiter Durchgang, enormer Druck. Scheib fuhr durch, gewann – und verstand in diesem Moment, dass sie auf etwas aufgebaut hatte, das trägt. 'Natürlich ist ein Rennen zu gewinnen eine Sache', sagt sie, 'aber das zu bestätigen war entscheidender.' In Copper Mountain bestätigte sie es prompt. In Tremblant, nach einem Ausfall im ersten Rennen, gewann sie das zweite. 'Da ist der Knoten geplatzt.'
Was folgte, war keine glückliche Strähne, sondern System. Scheib ließ sich vom Druck nicht fressen – sie nährte sich davon. 'Da hätte neben mir eine Bombe einschlagen können und ich wäre wahrscheinlich trotzdem noch sehr konzentriert nach unten gefahren.' Das ist kein Selbstlob. Das ist eine Beschreibung eines mentalen Zustands, den die wenigsten Athletinnen auf diesem Niveau wirklich erreichen.

Kein geheimrezept, aber eine klare haltung
Klassisches Mentaltraining? Fehlanzeige. Scheib erklärt das ohne Umschweife: 'Am Start kann der weltbeste Experte nicht weiterhelfen, weil es an mir liegt.' Was ihr tatsächlich geholfen hat, war strukturelle Ruhe – ein erfahrenes Trainerteam, das von Tag eins an einen anderen Ton setzte. 'Das hat eine irrsinnige Ruhe reingebracht. Genau das ist es, was ich brauche.'
Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Scheib hatte in den Vorjahren Momente, in denen sie selbst zweifelte, ob dieses Niveau für sie erreichbar ist. 'Ich hatte Momente, in denen ich mir gedacht habe: Vielleicht kommt das bei mir nie.' Solche Sätze sagt man nicht leichtfertig. Sie zeigen, wie lang der Weg war, bevor er so gerade aussah wie heute.

Olympia bleibt ein offener stich
In Cortina war Scheib körperlich und mental auf dem Punkt – und fuhr trotzdem leer aus. Ein Kommunikationsfehler kostete sie im ersten Durchgang Zeit, im zweiten ging sie zu viel Risiko und schied aus. 'Vom Gefühl her war es einer meiner besten Tage.' Das macht es nicht leichter, sondern schwerer. Die Leistung war da. Das Ergebnis nicht.
Sie hat sich damit abgefunden – nicht resigniert, sondern realistisch. 'Das einzige, was ich daraus mitnehmen kann, ist, dass ich es beim nächsten Mal besser mache.' Wer zu lange in solchen Momenten hängenbleibt, verliert sich. Scheib hat das verstanden, früher als viele andere in ihrer Generation.

Super-g: der nächste schritt, den sie wirklich will
Die Kugel ist gesichert, die Saison läuft aus – und Scheib denkt bereits weiter. Der Super-G ist ihr erklärtes Ziel für die Zukunft. 'Den fahre ich unglaublich gerne', sagt sie, 'aber mir fehlen noch die Rennkilometer.' Das ist eine ehrliche Einschätzung, keine Koketterie. Im Sommer soll der Fokus auf Speed-Training liegen, um beide Disziplinen ernsthaft zu kombinieren.
Was sie antreibt, ist das Bewusstsein, noch nicht am Limit zu sein. 'Das ist ein schönes Gefühl' – und wer die Saison von Julia Scheib verfolgt hat, glaubt ihr das sofort. Eine Fahrerin, die mit 660 Punkten und einem Vorsprung von fast zwei Rennen die Kugel holt, hat das Recht, von mehr zu sprechen. Beim Finale in Lillehammer am Mittwoch bekommt sie die Chance, den Schlusspunkt unter eine Saison zu setzen, die den österreichischen Damen-Ski-Alpin-Sport aus einem zehnjährigen Dornröschenschlaf geweckt hat.
