Josefine schneiders rüttelt auf: warum sportlerinnen noch immer beim aussehen verhaftet sind

„Sie sieht toll aus.“ „Tolles Outfit.“ „Wahnsinnsfrau – leider schon vergeben.“ Das Jahr ist 2026, doch die Kommentarspalten klingen wie 1996. Während männliche Athleten als „Maschinen“ gefeiert werden, landen Sportlerinnen im Regen der Oberfläche. Josefine Schneiders, 26, Nationalspielerin und Instagram-Aktivistin mit 50.000 Followern, liefert in ihrer Kolumne „Her Side of the Game“ den Beweis: Die Leistung kommt erst an zweiter Stelle – wenn überhaupt.

Die harte zahl hinter dem gefühl

Medienanalysen des UNESCO-Reports zeigen: 62 Prozent aller Beiträge über Frauen im Sport thematisieren Körper, Frisur oder Beziehungsstatus. Bei Männern sind es 9 Prozent. Die Quelle ist keine Twitter-Rage, sondern jahrelange Datenlage. „Das ist kein Bauchgefühl, das ist Messlatte“, sagt Schneiders im Gespräch mit Handball-World. Die TSG Bretzenheim-Spielerin wollte eigentlich nur ihren Rückwärmsprung zeigen – stattdessen wurde ihre Hautfarbe kommentiert. „Ich habe gedacht: Cool, wir diskutieren über Zweikampfstatistik. Dann lese ich ‚Hübsch‘. Das ist keine Wertschätzung, das ist Ablenkung.“

Der Effekt ist messbar: Sponsoringverträge von Frauen sind um 34 % niedriger, wenn Social-Media-Kommentare überdurchschnittlich oft das Aussehen thematisieren. „Der Markt folgt der Wahrnehmung“, erklärt Sportökonomin Dr. Linda Franke. „Und die wird in Kommentarspalten geprägt.“ Schneiders bestätigt: „Ich kenne Handballerinnen, die absichtlich keine Storys aus dem Kraftzimmer posten, weil sie keine ‚Body-Shot‘-Kommentare wollen. Das ist Selbstzensur aus Angst vor Sexualisierung.“

Muskeln sind ok – bitte nur nicht zu viele

Muskeln sind ok – bitte nur nicht zu viele

Der zweite Blick gilt dem Körperideal. Männer dürfen aussehen, wie sie wollen – gern auch 120 Kilo Muskelmasse. Frauen landen in der Falle: zu stark für Klischees, zu weiblich für Leistung. „Ich habe 90 Kilo auf der Hantel, und trotzdem fragt mich ein Reporter nach meiner Diät“, berichtet Nationaltorhüterin Dinah Eckerle. „Keinem würde einfallen, Uwe Gensheimer nach seinem Sixpack zu fragen.“

Die Angst, „zu männlich“ zu wirken, sitzt tief. Studien der Deutschen Sporthochschule Köln belegen: 48 Prozent der befragten Sportlerinnen reduzieren Krafttraining, um nicht anzuehmen. „Das ist Leistungsverzicht aus PR-Gründen“, sagt Schneiders. „Wenn wir Muskeln verstecken, verstecken wir auch unsere Sportart.“

Männer liefern, frauen erscheinen – das narrativ hinter den kulissen

Männer liefern, frauen erscheinen – das narrativ hinter den kulissen

Die Ursache liegt in der Inszenierung. Seit Jahrzehnten werden Männer als „Helden“ geframed, Frauen als „Zugabe“. „Der Kommentar ‚Sie hat tolte Beine‘ kommt nicht von ungefähr – er ist Resultat tausender Bilder, in denen Frauen lächelnd am Rande stehen“, erklärt Medienwissenschaftler Prof. Jörg-Uwe Nieland. Die Reproduktion funktioniert subtil: Kameraeinstellungen von Frauen häufiger im Close-up, bei Männern aus der Totalen. „Der Blick prägt den Ton.“

Schneiders will das ändern. Mit ihrer Kampagne „Her Side of the Game“ fordert sie Reporter und Sendeanstalten auf, Leistungsstatistiken in Frauenbeiträge zu integrieren – so wie bei Männern. „Wenn ich nach einem Spiel gefragt werde, will ich über Kreuzlauf und 7-Meter-Quote reden, nicht über meinen Zopf.“

Der preis der sichtbarkeit

Der preis der sichtbarkeit

Am Ende zählt Geld. Und der Markt folgt der Quote. „Wenn wir weiter über Frisuren sprechen, bekommen Frauen eben genau diese Deals“, sagt Schneiders. „Dann steht eine Shampoo-Marke vor der Tür, statt ein Ausrüster.“ Die Lösung: „Wir müssen den Fokus selbst bestimmen.“ Das tut sie. Ihr Instagram-Kanal misst Passquoten, analysiert Abwehrvarianten, interviewt Kolleginnen über Spielsysteme – und kommt trotzdem auf 50.000 Follower. „Die Leute wollen Inhalte. Wir müssen sie ihnen nur liefern.“

Die Handball-EM 2026 wird zum Testcase: Erstmals gibt es für alle Frauen-Länderspiele Live-Kommentare mit rein sportlichem Fokus – produziert von Schneiders und Co. „Wenn wir zeigen, dass Quote ohne Oberfläche geht, haben wir gewonnen.“

Bis dahin bleibt die Erkenntnis: Das Problem sitzt nicht im Spielfeld, sondern im Kopf. Und dort beginnt auch die Lösung – mit jeder Kolumne, jedem Clip, jedem Kommentar, der endlich über Tore statt über Haare spricht. „Wir sind keine Deko. Wir sind Athletinnen. Und das laut zu sagen, ist keine Provokation – sondern Realität“, beendet Schneiders das Gespräch. Der nächste 7-Meter fällt in fünf Tagen. Die Berichterstattung danach wird zeigen, ob sich etwas bewegt hat.