Johannes rydzek wirft die maske: „ich bin leer, aber glücklich“

Am Holmenkollen geht eine Ära zu Ende. Johannes Rydzek, 34, der sich 18 Jahre lang durch Schneestürme und Eiseskälte gequält hat, sagt am Sonntag Good-bye. 301 Weltcup-Einzelstarts stehen in seinem Pass, nur einer fehlt zum Rekord. Er lässt ihn ausstehen. „Ich will nicht mehr jagen, ich will atmen“, sagt er, während sich Oslo in Apriltreiben verabschiedet.

18 Siege, 7 weltmeistertitel und eine goldlawine von pyeongchang

Die Zahlen sind so laut, dass sie fast schon wieder leise wirken. 18 Weltcupsiege, 7-mal Weltmeister, Olympiasieger 2018 von der Großschanze und mit der Mannschaft. Doch hinter den Trophäen steckt ein Mann, der seit November 2008 jeden Samstag um 9 Uhr mit schmerzenden Oberschenkeln aufgewacht ist. „Ich kenne meinen Puls im Schlaf“, sagt er und lacht schon wieder. „Aber ich kenne auch meine Frau und meine Tochter. Und die warten.“

Lahti 2017 war der Super-Gau der Nordischen. Vier Rennen, vier Goldmedaillen. Die Konkurrenz sprach von einem „Rydzek-GAU“. Er selbst erinnert sich nur an die Nacht danach: „Ich habe in meinem Hotelzimmer gesessen und gedacht: Was, wenn das alles war?“ Die Antwort kam drei Jahre später, als er in Pyeongchang die größte Lawine seiner Karriere lostrat. Gold, Silber, Bronze – ein Komplettset in 14 Tagen.

Der sturz von mailand und die letzte lüge

Der sturz von mailand und die letzte lüge

Die letzte Olympiade war keine Apotheose, sondern ein Kratzer im Lack. Beim Teamsprint in Cortina stürzte Vinzenz Geiger zweimal. Rydzek schrie sich heiser, verballerte seine Restkraft, verlor Bronze. „Ich war wütend, aber nicht auf Vinzenz. Ich war wütend auf das Schicksal, weil es mir eine Geschichte klauen wollte, die ich selbst schreiben wollte.“ Er spricht mit rauer Stimme. „Jetzt schreibe ich sie trotzdem. Nur eben ohne Medaille.“

In Oberstdorf steht schon ein halbgepackter Koffer. Ski, Helme, Stöcke – alles nummeriert, alles sortiert. „Ich werde sie nicht verkaufen“, sagt er. „Ich werde sie an meine Tochter vererben. Vielleicht will sie ja mal sehen, womit Papa sich die Schienbeine kaputt gemacht hat.“

Was bleibt, ist ein körper voller narben und ein kopf voller musik

Was bleibt, ist ein körper voller narben und ein kopf voller musik

Rydzek hat zwei Bandscheibenvorfälle, ein Schienbein, das bei Minusgraden schmerzt, und eine Sammlung von 14.000 Spotify-Liedern, die er beim Laufen gehört hat. „Ich kenne jeden Beat von Drake und jeden Text von den Toten Hosen. Das ist mein wahres Vermächtnis.“ Er grinst, aber die Augen sind feucht. „Der Körper wird es vergessen. Die Musik nicht.“

Am Sonntag wird er die letzte Loipe verlassen, die letzte Latte nehmen, das letzte Mal den Blick in die Zielkameras werfen. Kein Abschiedstränen-Casting, keine Schleichwerbung für Energy-Drinks. „Ich will einfach nur runterfahren, meine Ski einpacken und am Montag mit meiner Tochter Frühstück machen. Pancakes. Zum ersten Mal ohne schlechtes Gewissen.“

Die Nordische Kombination verliert ihren fleißigsten Arbeiter. Rydzek verliert nur die Startnummer. „Ich bin keiner, der nach dem Ende sucht. Ich bin jemand, der nach dem Anfang sucht.“ Er zögert. „Vielleicht Trainer, vielleicht Manager, vielleicht nur Papa. Hauptsache, ich muss nicht mehr um 5 Uhr aufstehen, wenn es draußen minus 20 sind.“

301 Starts, 18 Siege, ein Leben aus Wachs und Wind. Johannes Rydzek wirft die Maske – und merkt, dass er darunter lächelt.