Joey barton wieder hinter gittern: englands umstrittener antifussball-held rastet erneut aus
Joey Barton sitzt wieder auf der Polizeiwache – und niemand im englischen Nordwesten zuckt mit der Schulter. Die Nachricht kommt erst zwei Tage, nachdem der 41-Jährige auf Twitter „Kulturkritiker“ in seine Bio schrieb und verlautbarte, man habe versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Gescheitert sei man, schrieb er. Nun kreisen die Kameras wieder um den Mann, der einst wegen Körperverletzung im Knast saß und dessen Karriere aus genau 269 Premier-League-Einsätzen und mindestens ebenso vielen Skandalen besteht.
Die risse im bild des intellektuellen
Die Polizei von Merseyside bestätigte am frühen Samstagmorgen die Festnahme „eines 41-jährigen Mannes“ nach einer Schlägerei vor einem Golfclub in Southport. Augenzeugen sprechen von einem handfesten Tumult, ausgelöst durch angeblich beleidigende Bemerkungen gegen Barton. Innerhalb von Minuten soll es zu Faustschlägen gekommen sein, ehe Security und später die Streife eingriffen. Barton wurde mit leichten Verletzungen versorgt, anschließend verhört und auf Kaution wieder entlassen. Ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung läuft.
Der Vorfall wirft ein schales Licht auf jene Selbstinszenierung, mit der Barton seit Jahren Medien und soziale Netzwerke bespielt. Auf Twitter zitiert er Nietzsche, postet Leseempfehlungen zu Machiavelli und erklärt die Welt mit Verweis auf Epikur. Dazwischen poltert er gegen politische Korrektheit, gegen Mainstream-Medien, gegen den modernen Profifußball, den er als „weich“ diffamiert. Die Follower-Zahlen steigen, die Radio- und TV-Sender buchen ihn als Analysten – doch hinter der Fassade lauert offenbar dieselbe Impulsivität, die seine Spielerkostsammler-Karriere immer wieder ins Wanken brachte.

Zwischen mittelfeld-metzger und medien-mythos
Bartons Vita liest sich wie ein Katalog an Disqualifikationen: vier Monate Haft 2008 nach einer nächtlichen Prügelei in Liverpool, 12-Spiele-Sperre 2012, weil er Sergio Agüero niedergestochen und Vincent Kompany an der Kehle gepackt hatte, anschließend Leihstation Burnley, dann QPR, dann Rangers – jedes Mal begleitet von Eklats. Dennoch schaffte er den Sprung ins TV-Studio. Seine Stimme riss, seine Sätze hatten Biss, und die Quote stieg. Sky Sports, talkSPORT, später „The Coaches’ Voice“: Sie alle buchten den Ex-Profi, weil er „echt“ wirkte.
Die Frage lautet nun: Wie lange halten Sender und Plattformen durch, wenn die nächste Runde Gerichtstermine ansteht? Bereits 2021 musste Barton sich wegen tätlichen Angriffs auf den damaligen Bristol-Rovers-Manager Daniel Stendel verantworten, wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die FA suspendierte ihn kurzzeitig als Trainer von Fleetwood Town. Die Stationen danach: Doncaster Rovers, Bristol Rovers wieder – und immer wieder dieser Balanceakt zwischen Intellekt und Impulskontrollstörung.

Die zahlen, die bleiben
269 Premier-League-Spiele, 28 Tore, 44 Gelb-Rote Karten – kein Engländer sammelte mehr. Dazu kommen 28 Pflichtspiele für die Nationalteams verschiedener Altersklassen, nie aber für die A-Nationalmannschaft. Statistiken wie diese bilden das Skelett seiner Biografie. Der Rest ist Rausch, Nachspiel, Gerichtssaal. Die Energie, mit der er einst Mittelfeldgegner verschreckte, entlädt sich nun in Nächten vor Golf-Clubs und in Tweet-Storms gegen vermeintliche Feinde.
Der Klub, vor dem es nun erneut krachte, ist kein Zufall. Southport gilt als Rückzugsort der nördlichen Fußballprominenz – ein Ort, an dem sich einst Wayne Rooney oder Jordan Henderson ungestört auf die Bahn schwingen. Barton aber scheint Ruhe nicht vertragen zu können. „Er sucht die Konfrontation, weil sie ihn am Leben hält“, sagt ein ehemaliger Mitspieler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Ohne Feuer kein Funke – und ohne Funke kein Joey.“
Endstation offside
Für die Ermittler ist der Fall klar: Zeugenaussagen auswerten, CCTV-Bänder sichten, Anklage erheben oder einstellen. Für die Medien ist er ein gefundenes Fressen: Der Antifootball-Held, der sich selbst zum Sokratischen Häretiker stilisiert, erneut im Pranger. Für Barton selbst wird es eng. Seine Bewährungsfrist aus dem Stendel-Prozess läuft noch bis Oktober 2024. Eine Verurteilung könnte bedeuten, dass der Mann, der einst im Strafraum alles wegräumte, nun selbst den Platz verliert – zuerst medial, dann vielleicht ganz.
Die Ticker laufen, die Kameras stehen bereit. Und irgendwo zwischen Nietzsche-Zitat und nächstem Gerichtstermin schreibt Joey Barton weiter an seinem Mythos – bis die letzte Karte gezogen ist. Es ist dieselbe Geschichte, nur mit neuem Datum. Das Skript kennt man in England in- und auswendig: Rote Karte fürs Leben, aber der Schiedsrichter pfiff noch nicht ab.
