Javier pastore packt aus: „ich war 19 – und die bosse sagten, manche jungs seien noch nicht bereit“
Javier Pastore lacht, zieht die Kapuze seiner grauen Trainingsjacke tiefer ins Gesicht und erinnert sich an jene Tage, in denen sein Spitzname „El Flaco“ noch kein Marketing-Gag war, sondern einfach nur die Wahrheit. Der 35-jährige Weltmeister von 2014 sitzt an einem Plastiktisch auf dem Place de la Concorde, wo FIFA-Arbeiter gerade ein Mini-Feld zusammenklopfen. 600 solcher „FIFA-Arenen“ gibt es mittlerweile – Pastore ist hier, weil er den Kids zeigen will, woher seine Tunnels stammen: vom Asphalt.
Die straße lehrte, was kein lehrplan kann
„Wir spielten auf Beton, im Matsch, zwischen Mülltonnen“, sagt er und schlägt dabei rhythmisch mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. „Der Ball springt anders, wenn er von einer Mauer zurückkommt. Das lernt man nicht im Leistungszentrum, sondern wenn man barfuß vor dem Abendessen noch zehn Minuten riskiert.“ Pastore spricht mit jener Geschwindigkeit, mit der er früher die Zwischenlinie überspielte – schnell, ohne Umschweife. Seine Eltern hätten ihn jeden Abend hereingepfiffen, „aber ich wusste: draußen wird der Fußball lebendig“.
Die Magie, die ihn später 42 Millionen Euro nach Paris katapultierte, entstand zwischen Häuserblocks in Córdoba. Heute, sechs Jahre nach seinem letzten Profi-Spiel, demonstriert er vor Touristen, wie man mit Außenrist und Innenfuß in zwei Bewegungen einen Tunnel baut. Die Kinder jubeln, ihre Handys filmen. „Das ist mein Patentschutz“, sagt er und grinst. „Kein Videoanalyst kann das kopieren, weil es auf dem Beton erfunden wurde.“

Palermo, 19 jahre alt – und trotzdem nur zuschauer
Als er 2009 nach Sizilien wechselte, war er 19, noch ein Spargel von einem Jungen. Die Verantwortlichen ließen ihn trotzdem sofort spielen. „Ich war bereit, weil ich bereit sein musste“, sagt er und verengt die Augen. „Aber ich sah Teamkollegen, 23 oder 24, die die Bosse für ‘noch nicht reif’ erklärten. Sie trainierten, schwitzten, warteten. Irgendwann war es zu spät.“ Diese italische Mentalität, sagt er, treibe den talentierten Nachwuchs ins Ausland. „Wenn du mit 19 noch keine Zweikämpfe im San-Siro gespielt hast, fehlt dir mit 25 die Selbstüberschätzung, die du brauchst, um ein Spiel zu drehen.“
Die Zahlen sprechen für ihn: Seit 2018 verpasste die Azzurri zweimal eine Welt- oder Europameisterschaft. „Es fehlt nicht an Talent, sondern an Minuten“, sagt er. „Wir geben 19-Jährigen in Argentinien 30 Einsätze, bevor sie 20 werden. In Italien wartet man auf den richtigen Moment – und der kommt nie.“

Der tunnel, das stadion, das finale
Sein Lieblingsbild von Palermo ist nicht ein Tor, sondern eine Kulisse: das Olimpico am 29. Mai 2011, Finale gegen Inter, 50 000 rosanero, die eine Insel mitten in Rom bildeten. „Wir verloren 1:3, aber in der U-Bahn sangen sie trotzdem meinen Namen“, sagt er. „Diese Stimmen haben mich gelehrt, dass Fußball nicht nur gewinnen ist. Manchmal reicht es, dass du einen Tunnel zeigst und 50 000 Menschen für zehn Sekunden glauben, sie könnten fliegen.“
Mitte April fliegt er zurück nach Sizilien, will wieder auf der Curva Nord sitzen. Palermo kämpft in der Serie B um die Play-offs. „Sie haben einen Trainer, der keine Angst vor Jugend hat“, sagt er über Inzaghi. „Das ist schon mal mehr, als wir damals hatten.“
Pastore steht auf, wirft den Ball ein letztes Mal hoch, fängt ihn mit der Hacke. Die Kinder rasten. „Ich werde 36, aber wenn ich so etwas machen kann, ohne am nächsten Tag Muskelkater zu haben, bin ich jung genug“, sagt er. Dann zieht er sich die Kapuze wieder über den Kopf und verschwindet zwischen den Pariser Touristen. Keine Bodyguards, keine Selfie-Schlange. Nur ein Mann, der weiß: Die Straße hat ihn nie verraten – und er wird sie nie vergessen.
