Italiens not-elf: serie-a-fehler verfolgen mancini bis nach katar

Klaus Schäfer, Düsseldorf – Die Lücke zwischen der Serie A und der Nazionale klafft wie ein offener Graben. Wer Sonntagabend in Milan oder Turin schaut, erkennt am Dienstag in Wien nur die Hälfte wieder. Doch: Die Mannschaft lebt. Und sie spielt – trotz aller Defiziten – mit dem Messer zwischen den Zähnen.

Systemfehler statt systemtrainer

Roberto Mancini schiebt taktisch hin und her, aber er kann die marode Basis nicht flicken. Die Clubstrukturen liefern ihm Spieler, die in den Top-Ligen keine 90 Minuten durchstehen: zu langsam, zu alt, zu oft verletzt. Das ist kein Talentproblem – das ist ein Versorgungsproblem. Die Akademien produzieren Techniker, doch der Sprung in die erste Mannschaft blockiert sich selbst. Statt Einsatzminuten gibt es Leihgeschäfte in die zweite Liga oder ins Ausland. Das Ergebnis: Ein Nationaltrainer, der aus dem Notstromaggregat Nationalteam Strom ziehen muss, während die Hauptleitung Serie A kurzschließt.

Die Zahlen sind hart: In der laufenden Saison starten nur 36 Prozent der italienischen Feldspieler unter 23 regelmäßig in der eigenen Liga. Bei Spanien sind es 57, bei Frankreich 62. Mancini muss also improvisieren – und das tut er mit einer Mischung aus Erfindungsreichtum und purem Bauchgefühl. Die jüngste Nations-League-Kampagne war kein Zufallserfolg, sondern ein Notplan, der aufging, weil der Gegner noch verwundbarer war.

Moment statt mantra

Moment statt mantra

Was die Squadra Azzurra noch rettet, ist ihr Instinkt für den richtigen Moment. Gegen England war es ein einziger Konter, der das Spiel kippte. In Malta ein Freistoß, der erst in der 92. Minute fällt. Italien gewinnt nicht durch Dominanz, sondern durch Choreografie. Die individuelle Klasse ist vorhanden: Donnarumma rettet mit linkem Fuß, Barella schaltet nach einer Sekunde um, Chiesa trifft aus spitzem Winkel. Diese Lichtblicke sind keine Dauerfeuer, aber sie reichen, um sich für Katar nicht begraben zu lassen.

Doch der Preis ist hoch. Der Turnierrhythmus zehrt. Bonucci wirkt mit 36 Jahren wie ein Mann, der jeden zweiten Tag ein Testament diktiert. Immobile läuft sich in 60 Minuten die Seele aus dem Leib, nur um danach zwei Wochen Pause zu brauchen. Das ist keine Nachhaltigkeit – das ist ein Sprint auf Kredit.

Fifa-rangliste lügt nicht

Fifa-rangliste lügt nicht

Italia ist Sechster – formal besser als 2017, als das WM-Ticket damals schon weg war. Aber der Blick auf die Gegner zeigt: Portugal wartet mit einem B-Team, das immer noch mehr Ballbesitz hat. Die Niederlande stellt sechs Spieler, die in der Champions-League-K.o.-Phase stehen. Deutschland bringt Musiala und Wirtz, zwei Spieler, die in Italien nur im Fernsehen laufen. Die Rangliste tröstet, sie täusht nicht über die Lage hinweg.

Der entscheidende Termin steht am Dienstag in Wien an. Ein Sieg gegen Österreich – das wäre kein Befreiungsschlag, aber ein Ticketschubs. Eine Niederlage würde die Diskussion entfachen, ob das System Serie A reformbedürftig ist. Die Antwort kennt jeder, der in den letzten zehn Jahren Transferbilanzen gelesen hat: Ja, es ist reformbedürftig. Aber Reform kostet Geld, Geld kostet Mut, und Mut ist in Italiens Klubbüros seit der Superliga-Pleite Mangelware.

Also bleibt Mancini allein mit seinem Ensemble. Er kann keine jungen Italiener zaubern, aber er kann sie zusammenhalten. Das ist weniger, als sich Fans wünschen, aber mehr, als die Liga ihm bietet. Solange das reicht, um in Katar dabei zu sein, bleibt die Hoffnung am Leben – dünn, aber brennend wie ein Zündholz in der Nacht. Die Serie A mag krank sein, die Nazionale pulsiert noch. Und manchmal reicht ein einziger Herzschlag, um im Turnier zu überleben.