Italien zittert sich 2:0 gegen nordirland – nur noch 90 minuten trennen die azzurri von der wm

Sandro Tonali schlägt mit links auf, Moise Kean legt nach – und schon steht Italien wieder mit dem Rücken zur Wand, diesmal aber im positiven Sinn: 2:0 gegen Nordirland, Finale der Play-offs am Dienstag in Sarajevo. Wer gewinnt, fährt zur WM 2026. Punkt. Keine dritte Blamage nacheinander, keine endlosen Diskussionen mehr über gescheiterte Tiki-Taka-Träume.

Der 56. minute schlug das pendel um

56 Minuten lang quälten sich die Gattuso-Jungs durch ein unangenehmes Bollwerk aus grün-weißen Trikots. Dann, halblinks, 16 Meter. Tonali nimmt den Abpraller aus halber Drehung, trifft flach ins rechte Eck. Die Bergamo-Kurve bebt, die Bank springt hoch, und selbst der sonst so störrische Gattuso ballt die Faust. Ein Treffer, der mehr befreit als belohnt – denn bis dahin hatten die Nordiren jeden zweiten Ball gewonnen, jeden italienischen Kombinationsversuch mit einem klaren „Not today“ quittiert.

Die Statistik dahinter: 63 Proatz Ballbesitz, aber nur zwei Torschüsse aus zentraler Lage bis zur 55. Minute. Gattuso hatte vor der Partie gewarnt, dass seine Mannschaft „kein Schönspielerkollektiv“ mehr sei, sondern eine Gruppe, die sich ihre Chancen erarbeiten muss. Geklappt hat es letztlich über die Standardsituation – und über die verbissene Mentalität, die den Coach einst selbst auf dem Rasen auszeichnete.

Kean stempelt das ticket ab – und schiebt bosnien ins rampenlicht

Kean stempelt das ticket ab – und schiebt bosnien ins rampenlicht

Nach dem 1:0 war die Partie eigentlich gelaufen. Nordirland warf noch einmal alles nach vorne, was O’Neill an Offensivpower zur Verfügung steht – wenig. In der 80. Minute flankt Tonali erneut, diesmal aus dem Spiel heraus, Kean nimmt den Ball mit der Hacke mit, dreht sich um die eigene Achse und schiebt ins lange Eck. 2:0. Endstation Belfast, Weiterfahrt über Sarajevo.

Bosnien wartet mit Edin Džeko, Miralem Pjanić und einem Stadion, in dem 50.000 Fans jeden Gegner in einen Taubenschlag verwandeln. Für Italien wird es die reinste Glücks- oder Katastrophenfrage: Entweder endet die 12-jährige WM-Abstinenz, oder die „Squadra Azzurra“ rutscht in eine Krise, die tiefer ist als jede seit 1958.

Die Zahlen sind gnadenlos: Seit der WM 2014 schaut Italien nur von der Couch, seit dem EM-Triumph 2021 folgten zwei verpasste Weltmeisterschaften. Ein verdientes Schmankerl für eine Nation, die einst Turniere dominierte und sich nun mit Play-off-Halbfinals gegen Nordirland zufriedengeben muss.

Doch genau das macht den Sport so rau: Vergangenheit zählt keinen Pfifferling, wenn der nächste Gegner schon auf dem Rasen wartet. Gattuso weiß das. Seine Spieler auch. Und deshalb fliegt die Mannschaft noch in der Nacht nach Sarajewo, statt nach Hause – 48 Stunden Vorbereitung auf 90 Minuten Wahrheit.

Am Dienstag um 20.45 Uhr wird entschieden, ob Italien endlich wieder zur WM fährt oder ob die nächste Generation talentierter Spieler wieder nur von Ferienkreuzfahrten und TV-Studios träumen darf. Die Antwort liegt in Bosnien. Und die Uhr tickt.