Italien zieht die notbremse: ballkontakt statt taktik-chaos

Rom – Nach Jahrzehnten des ungestümen Ergebniswahns schlägt das Land, das einst Catenaccio erfand, nun die Richtung um. Gabriele Gravina, Präsident des italienischen Fußballverbandes, präsentierte am Montag in der Figc-Zentrale ein Jugend-Konzept, das keine Ausnahme mehr duldet: Technik statt 3-5-2, Dribbling statt Defensive, Kind statt Tabellenplatz.

„Ich sehe zu viele Trainingseinheiten ohne Ball“, donnerte Gravina vor der Presse und ließ dabei das Wort „ipertatticismo“ durch den Saal knallen – das Über-Taktifizieren, das laut ihm die Kinder schon mit zwölf in System-Schablonen presst. Die Antwort: eine landesweite Akademie, einheitliches Lehrprogramm, kostenlose Trainer-Fortbildungen – und eine Allianz, die sich um Maurizio Viscidi und Cesare Prandelli gruppiert.

Warum gerade jetzt der reset kommt

Italiens U19 scheiterte 2023 an der EM-Qualifikation, die U17 schied 2022 ohne Torerfolg aus. Doch das neue Programm entstand nicht als Reaktion auf diese Blamagen, betont Gravina. Es entstand aus Angst, das Land könne sich selbst abschaffen. „Wir haben Jahre gebraucht, um die Fehler zu benennen: zu viel Videoanalyse, zu wenig Ballkontakt, zu viele Sieg-oder-stirb-Spiele“, sagt der Verbandsboss. Die Lösung: ein flächendeckendes Netz aus 15 regionalen Technik-Zentren, in denen Jugendliche zwischen fünf und 14 Jahren nachmittags kostenlos trainieren können – unabhängig von ihren Klubs.

Die Stunde Null ist bereits terminiert: Nach den Sommerferien rollen in Sardinien, Apulien und Kalabrien die ersten Pilotprojekte an. Viscidi wird die Inhalte liefern, Prandelli als Berater die Philosophie einschärfen. „Wir schreiben kein 200-Seiten-Diktat“, sagt Viscidi, „wir liefern eine 12-Seiten-Bibel: Passform, Ballannahme, Orientierung, Tempowechsel – danach entscheidet der Trainer, wie er es in seine Stunde einbaut.“

Der deal mit dem teufel, der plötzig engel sein soll

Der deal mit dem teufel, der plötzig engel sein soll

Die Rechnung dafür: 42 Millionen Euro in den ersten vier Jahren. Gravina will sie nicht aus Klub-Kassen holen, sondern aus Sportwetten-Steuern. „Ein Euro für den Verband gibt 19,70 Euro an Sozialabgaben und Infrastruktur zurück“, rechnet er vor. Die EU-Lizenz für staatliche Wettmonopole liegt seit 2021 bereit, Rom blockierte bisher. „Wer Infrastruktur will, muss auch akzeptieren, dass der Wettmarkt Teil der Lösung ist“, fordert Gravina – und spielt damit auf 2.700 verrottende Sportplätze an, die laut Figc-Studie bis 2030 1,3 Milliarden Euro verschlingen.

Kritiker aus der Katholischen Sportjugend warnen vor „Novomatic auf dem Rasen“. Gravina kontert mit Zahlen: „Deutschland leitet seit 2019 Wettsteuern in Nachwuchsprojekte, Spanien folgt 2025. Wir bleiben das letzte große Land, das Sportwetten verteufelt und gleichzeitig kaputte Kunstrasen flickt.“

So fühlt sich revolution an: ball statt powerpoint

So fühlt sich revolution an: ball statt powerpoint

In Coverciano testeten 40 Trainer vergangene Woche die neue „Micro-Methode“: 15 Minuten Doppelpass-Kette, 15 Minuten 3-gegen-3 im Engpass, 15 Minuten Torabschluss aus dem Dribbling – keine Taktikfolie, kein Video-Cut. Ergebnis: 1.200 Ballkontakte pro Kind in 45 Minuten, doppelt so viele wie im durchschnittlichen Vereinstraining. „Das Gehirn baut nur bei Ballberührung neue Synapsen“, sagt Viscidi, der vor 20 Jahren als Co-Trainer Italiens U21 war. „Ein 13-Jähriger, der 300 Mal pro Woche trifft, entscheidet schneller, weil seine Augenmuskulatur trainiert ist.“

Die Klub-Bosse schlucken. Juventus, Inter und Roma verpflichteten in den vergangenen zehn Tagen neue U-15-Coaches – alle mit Figc-Zertifikat, alle verpflichtet, mindestens 70 Prozent Ballaktionen pro Trainingseinheit zu genehmigen. „Wer blockiert, fliegt aus der Talentschmiede“, droht Gravina und meint damit die Lizenz zur Serie A-Akademie, die jedes Jahr neu vergeben wird.

Italien wettet auf seine kinder – und auf sich selbst

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Die erste Bewährungsprobe folgt bereits im September: Bei der U17-EM in Zypern muss Italiens B-Jugend mindestens das Halbfinale erreichen, sonst droht der Ruf nach Rückzieher. „Wir wollen nicht den Titel, wir wollen Spieler, die 2028 in Deutschland stehen können“, sagt Prandelli. Gemeint ist die Heim-EM – Italiens große Chance, nach dem verpassten WM-Ticket von 2022 wieder ins Rampenlicht zurückzukehren.

Die Zahlen sind verrückt: Laut Figc-Statistik verloren 1,2 Millionen Kinder zwischen 2015 und 2022 den Spaß am Fußball, weil Training oft aus Lauf- und Videoeinheiten bestand. Gleichzeitig stiegen die Verletzungen der unteren Extremitäten um 34 Prozent – ein Effekt aus zu viel Krafttraining und zu wenig technischer Feinmotorik. „Wir haben eine Generation gebaut, die sprinten kann, aber nicht finten“, resümiert Viscidi.

Am Ende der Präsentation spielte Gravina ein Video ab: ein Sechsjähriger aus Neapel, der in 18 Sekunden 45 Ballkontakte aus dem Stand absolviert. Die Botschaft: So sieht italienischer Fußball 2030 aus – wenn er überhaupt noch italienisch sein will.