Italiens albtraum von belfast: gattuso muss altlasten auslöschen
Am 26. März rollt in Bergamo kein normaler Ball – es rollt eine Rechnung aus dem Oktober 2017. Damals stolperte Italien in Belfast über Nordirland, verpasste die direkte WM-Qualifikation und musste in die Playoffs – wo Nordmazedonien das Debakel perfekt machte. Jetzt trifft die Squadra Azzurra auf dieselbe Insel-Truppe, die ihr einst den K.o. versetzte.
West bromwich-trequartista und ein o'neill mit doppeljob
Michael O’Neill jongliert zwei Arbeitsverträge: Er ist Nationaltrainer und bis Saisonende Coach von Blackburn Rovers. Der 56-Jährige liebt das Risiko, sonst hätte er damals nicht nach einer Karriere als Aktienhändler den Fußball zum Hauptberuf erklärt. Gegen Italien fehlt ihm mit Conor Bradley das kosmetisch wertvollste Juwel – Kreuzband gerissen, Saison vorbei. Dafür reist Isaac Price an, West Bromwich’ kreativer Zehnener, der in dieser Saison schon sieben Treffer erzielte und sich mit durchtriebenen Laufwegen in Highlight-Videos manövriert.
Die Statistik? Ein Witz. Elf Heimspiele gegen Nordirland, elf Siege – aber nur, wenn das Spiel in Italien stattfindet. In Belfast haben die Azzurri noch nie gewonnen. Das 0:0 vor fünf Jahren war nur die Spitze des Eisbergs. Gattuso muss also die B-Seite der Geschichte umdrehen, sonst wird die New Balance Arena zur Arena der Schande.

Abstiegsliga-touristen mit em-erfahrung
Der Kader liest sich wie ein Reiseführer durch Englands Unterklassen: Vier Spieler aus der Premier League, acht aus der dritten Liga. Trotzdem: Diese Mannschaft war 2016 bei der EM, schaffte als kleinster Teilnehmer die Achtelfinals. O’Neill hat sie auf Rapid-Modus trimmt: wenig Ballbesitz, viel Geballer bei Standards, Konter wie auf dem Highway. Nagelsmann nannte sie „organisierte Chaos-Theke“ – gemeint war Kompliment.
Und dann da ist der Seelenfrieden. Chris Atherton, einst nordirischer U21-Kapitän, wechselte die Nationalität und spielt künftig für die Republik Irland. O’Neill nahm’s mit einem Schulterzucken hin: „Ein Recht, kein Verrat.“ Trotzdem nagt der Verlust, weil Atherton mit 13 Jahren und 329 Tagen Rekordhalter bei den Profis in Großbritannien ist.

40 Jahre wm-fluch und ein land, das sich ein denkmal wünscht
Die letzte nordirische WM-Teilnahme datiert auf 1986. Für eine Nation mit nur 1,9 Millionen Einwohnern wäre die Qualifikation ein Sozialakt statt Fußballerfolg. O’Neill spricht deshalb nicht von Taktik, sondern von „Einschreiben in die Geschichte“. Seine Spieler glauben fest an das Märchen – und das macht sie gefährlicher als jede Statistik.
Italien also muss nicht nur ein Spiel gewinnen, sondern eine Angst ablegen. Die Vorbereitung läuft, die Fan-Schals sind bedruckt, die Erinnerung an Belfast lauert. Wer am 26. März nicht siegt, der fliegt – und zwar nicht nur aus dem Turnier, sondern vielleicht auch aus dem kollektiven Gedächtnis einer Fußballnation, die sich langsam daran gewöhnt, dass Playoff-Horror ihre neue Normalität ist.
