Italien versinkt: das wm-trauma wird zur dauerhaften blamage
Drei Play-off-Finalniederlagen in Folge. Dreimal Elfmeter-Katastrophe. Dreimal keine WM. Italiens Fußball-Nationalmannschaft hat sich am Dienstagabend in Zenica erneut selbst zerlegt – und diesmal mit dem Rasenmäher der Realität. Die 1:4-Pleite im Elfmeterschießen gegen Bosnien-Herzegowina bedeutet: Die Azzurri schauen 2026 in Nordamerika wieder nur zu. Für eine Nation, die vier Sterne trägt, ist das kein Ausrutscher mehr. Es ist ein Systemkollaps.
Gattuso stand nach dem Schlusspfiff wie ein Betrunkener am Spielfeldrand, die Hände in den Taschen seiner Trainingsjacke vergraben. „Wenn man mich heute mit einem Dolch sticht, kommt nichts heraus“, sagte er später. Leer. Das trifft’s. Denn was Italien seit 2017 zeigt, ist nicht Pech – es ist ein Land, das seine DNA verloren hat. Gegen Schweden patzte man 2017, gegen Nordmazedonien 2022, nun gegen Bosnien. Dreimal ging es um nichts weniger als die Weltmeisterschaft. Dreimal reichte nicht mal das Los.
Die zahlen sind ein spiegel ohne make-up
Seit dem 9. Juli 2006, dem Tag des Berliner Finalsiegs gegen Frankreich, hat Italien kein einziges WM-K.-o.-Spiel mehr bestritten. Das ist keine Statistik, das ist ein Generationenbruch. Kinder, die heute 18 sind, kennen die Azzurri nur als Mannschaft, die versagt. 2010 Vorrunden-Aus, 2014 Vorrunden-Aus, 2018–2030: gar nicht erst da. Dreimal hintereinander scheitern die Play-offs – so etwas hat noch keine Top-Nation geschafft. Die Bosnier feierten am Dienstag wie 1997 Belgien in Toulouse – nur dass sie diesmal nicht gegen den Weltmeister, sondern gegen dessen Geist gewannen.
Die Partie selbst war ein Lehrstück modernen italischen Fussball-Fremdkörpers. Moise Kean köpfte früh die Führung, doch als Alessandro Bastoni mit Rot vom Platz musste, kippte die Kontrolle. Haris Tabakovic glich aus, und im Elfmeterschießen trafen nur Federico Dimarco und Davide Frattesi. Pio Esposito und Bryan Cristante schossen wie Gelähmte daneben. Die Bosnier verwandeln alle vier. Kein Zufall: Sie hatten mehr Schüsse aufs Tor (8:4), mehr Zweikämpfe gewonnen (58 %) und vor allem: einen Plan. Italien hatte nur Emotionen – und die reichen seit 18 Jahren nicht mehr.

Der em-triumph von 2021 war ein feuerwerk, kein fundament
Roberto Mancinis Wembley-Sieg war ein einmaliger Adrenalinschub, kein Umbauprozess. Danach wechselten die Trainer wie die Trends auf TikTok: Mancini ging, Spalletti kam, nun Gattuso. Jeder neue Boss versprach „Identität“ und „Mentalität“, doch die Spieler blieben die gleichen: technisch versiert, aber ohne Durchsetzungskraft. Kein italischer Spieler ist unter den Top-20-Torschützen der Champions-League-Saison 2024/25. Keiner spielt in einem Klub, der als Titelanwärter gilt. Das Talent kommt aus Mailand, Turin oder Rom – aber es reift in London, Madrid oder München. Die Serie A ist zur Entwicklungsliga degradiert.
Die medialen Reaktionen folgen einem ritualisierten Zorn. La Gazzetta dello Sport titelt „Apokalypse“, Tuttosport fordert „Rauswurf für alle“. Das ist keine Analyse, das ist ein Kreuzzug gegen die eigene Leere. Doch das Problem sitzt tiefer. Der Verband FIGC investiert seit Jahren mehr in PR-Termine als in Nachwuchs-Zentren. Die jüngste U-21-Generation schied 2023 bereits in der Gruppenphase der EM aus. Von den 23 Spielern im Kader von Zenica waren nur drei über 25 Jahre alt – und keiner von ihnen führte. Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini haben ihre Stiefel schon lange an den Nagel gehängt. Ihre Erben heißen Alessandro Buongiorno und Giorgio Scalvini. Gute Jungs. Keine Anführer.

Die blamage ist programmiert, solange die struktur bröckelt
Italiens Klubs schulden zusammen 2,3 Milliarden Euro, die TV-Einnahmen brechen ein, die Stadien sind marode. Die Politik schaut weg, die Fans skandieren nur noch „Vergogna“ – Schande. Doch Schande ist, wenn man nichts ändert. Die nächste Generation wird 2028 erneut in Play-offs hocken, es sei denn, der Verband beginnt heute mit einem radikalen Schnitt: Klare Spielphilosophie statt Trainer-Revolving, Förderung von Spielern unter 21 in der Serie A, echte Investitionen in Sportwissenschaft statt in Marketing-Gipfel. Alles andere ist Kosmetik auf einem Schiff, das bereits sinkt.
Gattuso wird gehen, das steht fest. Seine Amtszeit endet, bevor sie richtig begann. Doch der nächste Coach wird das gleiche Problem erben: eine Mannschaft, die nicht mehr weiß, wie man gewinnt, wenn es darauf ankommt. Die Fans haben bereits resigniert. In einer Umfrage des Senders Sky Sport Italia sagten 67 % der Befragten, sie würden die WM 2026 „nicht einmal verfolgen“, wenn Italien nicht dabei sei. Das ist keine Sport-Frage mehr. Das ist ein Identitätsverlust. Und der schmerzt mehr als jedes Elfmeter-Desaster.
