Kohfeldt packt aus: so funktioniert darmstadts aufstiegs-maschine
Florian Kohfeldt spricht Klartext. Der Coach von Darmstadt 98 erklärt, warum seine Lilien nicht einfach nur Glück haben, sondern berechnet oben mitspielen. Und warum er trotz KI-Angst die Daten-Revolution liebt.
„Die kabine hat mir den spaß zurückgegeben“
Kohfeldt sitzt entspannt im Interview, doch seine Worte sind scharf wie ein Trikot-Zupfer im Strafraum. Er erzählt von einer Hierarchie in der Umkleide, die seinem Ideal entspricht: „Die Jungs tragen Konflikte offen aus, sind meinungsstark, wollen immer gewinnen und sind dabei unglaublich respektvoll.“ Diese Chemie habe ihn wieder richtig Feuer machen lassen – unabhängig vom Tabellenstand.
Er spricht von Vertrauen, das die Spieler in die Spielidee haben, und von einem Zusammenhalt, den er zuletzt nur in seinen Bremer Anfangsjahren gespürt habe. Der 43-Jährige betont: Das Gefühl sei so stark gewesen, dass er „für das Team alles geben wollte“. Das ist kein PR-Satz, das klingt wie ein Mann, der endlich wieder Fußball-Leben statt Dasein als Dauerscout auf der Tribüne fühlt.

Daten statt glück: die nächste revolution
Kohfeldt ist kein Romantiker. Er weiß, dass Gefühle Punkte bringen, aber Zahlen Titel. „Wenn der Eindruck entsteht, wir sind nur Daten, ist das Quatsch“, sagt er. „Das Wichtigste ist das Herz, die Seele, die Hierarchie.“ Doch dann kommt der Satz, der zeigt, warum Darmstadt aktuell die treffsicherste Offensive der 2. Liga stellt: „Daten sind die nächste große Revolution im Fußball.“
Er erinnert sich an 2013 bei Werder, als Video-Analyse noch ein Exot war. Heute klickt er sich mit einem Mausklick durch 100 Spiele. Die Fallzahlen explodieren, die Fragen müssen nur stimmen. „Die musst du aber immer noch selbst stellen“, presst er zwischen den Zähnen hervor. Das ist keine schlaue Software, das ist ein Trainer, der die richtige Frage formuliert: Warum trifft Darmstadt so viel? Antwort: Weil Kohfeldt weiß, wo der Gegner schläft.

Ki-angst und vaterpflichten
Über Künstliche Intelligenz spricht er mit der offenen Miene eines Mannes, der seine Kinder vor TikTok warnen muss. „Ich habe da schon Respekt, weil ich es nicht vollständig überblicke“, gibt er zu. Dennoch nutzt er KI „in kleinem Maße“, weil Familienvater sein eben heißt: „Den Weg bei den Kindern mitzugehen.“ Bald will er mit den Lilien einen KI-Workshop starten – „positive Skepsis“ nennt er das. Kein Tech-Hype, sondern ein Realist, der nichts dem Zufall überlässt.
Aufstieg? „klar wollen wir das – aber wir reden nicht drüber“
Tabellenplatz vier, drei Punkte hinter Platz eins, beste Offensive, daheim noch ungeschlagen: Da will man natürlich wissen, ob das Wort „Aufstieg“ erlaubt ist. Kohfeldt zuckt mit den Schultern: „Die Position jetzt ist eigentlich komplett egal.“ Klingt nach Standard-Antwort, ist aber ein mentaler Trick. Er zählt stolz auf: „Wir haben die beste Offensive der Liga, stehen defensiv sehr stabil, haben zu Hause noch kein Spiel verloren: Das ist alles kein Glück.“
Er nennt Darmstadt einen „natürlicherweise keinen Bundesliga-Standort“, sagt aber auch: „Er kann es aber werden.“ Der Unterschied zwischen „Wollen“ und „Müssen“ ist ihm wichtig. Er will keine Play-off-Parolen, er will Siege – Woche für Woche. „Jetzt schon über das letzte Spiel gegen Paderborn zu sprechen, macht wenig Sinn“, schmettert er ab. Der Fokus gilt Bielefeld, die Arminia bangt ums Nichtabstiegen. Kohfeldt will dort etwas nehmen, nicht warten.

Sieben endspiele, ein mindset
die saison hat sieben spiele übrig, drei davon daheim gegen hannover, elversberg, paderborn – alles hochspannung. dreimal reist darmstadt in untere tabellenregionen, dort hatte zuletzt jeder punkt mühe. kohfeldt lacht nicht über „mental“-fragen, er bestätigt: „das wird in nächster zeit noch wichtiger.“sein credo: „wir müssen immer das mindset haben, etwas zu nehmen und nicht auf etwas zu warten.“ das trainiert die mannschaft nicht seit gestern, sondern seit der sommervorbereitung. der coach schlägt mit der flachen hand auf den tisch: „diese saison kann keine schlechte mehr werden.“ keine drohung, eine tatsache.
die bilanz nach 41 minuten wahrheit
Am Ende bleibt ein Mann, der wieder Lust am Job hat, eine Mannschaft, die sich selbst trägt, und ein Verein, der plötzlich doch zum Bundesliga-Standort werden könnte. Die Zahlen sprechen für sich: 55 Tore, 42 Punkte, Null Heimniederlagen. Kohfeldt braucht kein Glück, er hat Excel und Emotionen im Gleichschritt. Wenn Darmstadt am 34. Spieltag oben steht, war es kein Zufall. Es war ein Plan – und der funktioniert gerade.
