Italia schaltet nordirland aus: retegui und kean jagen den traum
Kein Luxus-Freundschaftsspiel wie Frankreich gegen Brasilien, kein Sonntagsspaziergang: Für Italien ist das Play-off in Belfast eine Zitterpartie auf Augenhöhe. Gegen Nordirland geht es um nicht weniger als die Hälfte der Weltmeisterschaft. Wer gewinnt, spielt im Finale gegen Wales oder Bosnien – und ist einen Sieg vom Ticket nach Kanada, Mexiko, USA 2026 entfernt.
Angelika Klein berichtet live aus der Sportwelt-Pelkum-Redaktion.
Warum gattuso auf retegui setzt – und nicht auf tiki-taka
Der Plan ist klar, sagt Gattuso: „Wir müssen das Spiel machen, aber wir dürfen uns nicht in Hektik verbeißen.“ Seit seinem Amtsantritt hat Italien 19 Tore erzielt – 14 davon nach der Pause. Die Quote wirkt wie ein Versprechen: Selbst wenn Nordirland mit zwei dichten Ketten und 30 % Ballbeslong aufwartet, wird der Knock-out spät, aber kommen. Retegui (5 Treffer im Zyklus) und Kean (4) bilden das brutalste Sturmduo, das das Azzurri-Konto seit den Tagen von Riva und Mazzola befeuert.
Doch die Zahlen zeigen auch die andere Seite: Gegen Israel und Norwegen kassierte die Squadra vier Buden – jeweils innerhalb von 90 Minuten. Ein Tempo-Defizit? Eine Kopf-Frage. Gattuso hat deshalb auf 3-5-2 umgestellt, um die Räume zu verengen und gleichzeitig Dimarco sowie Politano auf Außen zu entlasten. „Wir sind keine Galaktischen, wir sind Handwerker“, sagt er – und meint damit Calafiori als Libero-Playmaker, Tonali als Box-to-Box-Rakete und Donnarumma als letzte Mauer.

Nordirlands geheimwaffe heißt langball – und italiens angst
Trainer Michael O’Neill spottet: „Totti oder Del Piero haben sie nicht mehr.“ Provokation? Eher Realität. Die Elf aus der Championship und League One lebt von Standards, von Kopfbällen, von zweiten Bällen. Ihre Philosophie: „Wenn wir sie nicht aus dem Rhythmus bringen, bringen sie uns aus dem Turnier.“ Italien kennt die Angst vor dem frühen Gegentreffer wie einen alten Verfolger. Das 0:1 in Palermo gegen Nordmazedonien steht noch in den Knochen.
Die Lösung lautet: frühes Tor, aber ohne Hektik. Kein Schneebesen, sondern ein Schraubstock. Die Statistik bestätigt: Trifft Italien vor der Pause, steigt die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Treffers auf 78 %. Läuft es bis zur 60. Minute 0:0, sinkt die Quote auf 34 %. Die Botschaft an Kean und Retegui: „Den ersten Treffer erzwingen, dann den Gegner zerfahren.“

Was dieses spiel über italies zukunft verrät
Es ist mehr als ein Ticket. Der Verband zählt auf die TV-Millionen aus dem Turnier, der Klubfußball braucht die Impulse, und die Fans suchen nach einem neuen Narrativ, nach dem Mancini-Abgang. Gewinnt Italien, rückt die Generation Donnarumma, Tonali, Retegui in die nächste Stufe der Reife. Verliert sie, droht ein zweiter Winter ohne WM-Hymne seit 2018 – und das in einem Turnier, das auf 48 Teams erweitert wird.
Kurz: In Belfast steht nicht nur die Hälfte des Mondials auf dem Spiel, sondern auch die Hälfte der Glaubwürdigkeit. Die Azzurri haben 90 Minuten, um zu beweisen, dass sie nicht mehr die Mannschaft sind, die sich von Nordmazedonien erledigen lässt. Sie haben 90 Minuten, um zu zeigen, dass Arbeit vor Talent kommt – und dass Retegui der neue Riva sein kann. Das Erste, was sie mitbringen müssen: Null Toleranz gegenüber der Angst. Das Zweite: ein Tor. Am besten zwei. Dann kann die Reise Richtung Amerika endlich beginnen.
