Hoffenheim spielt champions-league-fußball – mitten im chaos
Die TSG Hoffenheim ist Tabellendritter, schießt drei Tore pro Woche und fliegt trotzdem kaum unter dem Radar. Warum? Weil der Klub sich selbst am lautesten blockiert.
Die 400-millionen-frage: warum funktioniert das system trotzdem?
Christian Ilzer geht mit seiner Mannschaft aufs Feld, als wäre nichts. Kein Wort über die drei entlassenen Geschäftsführer, kein Kommentar zu den Arbeitsgerichtsterminen im März, kein Schulterzucken über den angeblichen Datenskandal. Stattdessen: Gegenpressing, Außenverteidiger, die wie Flügelstürmer agieren, und Andrej Kramarić, der seit Wochen jeden Ball reinmacht, als gäbe es kein Morgen.
Dietmar Hopp, der SAP-Milliardär, der seit 35 Jahren Geld in den Verein pumpt, sitzt weiter in der Kurve – zumindest metaphorisch. Er hat seine Stimmrechtsmehrheit abgegeben, doch sein Schatten reicht bis ins Mittelfeld. Die 50+1-Regel ist formal erfüllt, die Machtfrage offen. Deshalb der „Putschversuch“ gegen Sport-GF Andreas Schicker, deshalb die wilden Kündigungen, deshalb das Gefühl, dass hinter jeder Ecke ein neuer Klatsch wartet.
Und trotzdem: Platz 3, 55 Punkte nach 25 Spielen, nur zwei Niederlagen seit der Winterpause. Ilzer hat seine Spieler in eine mentale Blase gepackt. Quarantäne gegen Störgeräusche. Der österreichische Coach erzählt ihnen, dass sie David seien – egal, ob sie gegen Bayern oder Bochum ranmüssen. Die Mannschaft glaubt es. Die Statistik auch: Expected Goals-Wert der Liga, Laufleistung im oberen Drittel, Ballgewinne im letzten Drittel wie 2018 Liverpool.

Fc hollywood 2.0 – nur mit punkten statt pleiten
Die erstaunliche Parallele: In den 90ern schwappte der Bayern-Chaos ebenfalls nicht aufs Feld über. Dort gewannen sie trotz Ehekrise, Bierhoff-Skandal und Matthäus-Diät noch Meisterschaften. Heute ist Hoffenheim das neue FC Hollywood – nur mit besserer Taktik. Die Spieler scrollen nicht durch Schlagzeilen, sie schauen auf die Tabelle. Dort steht einfach: ChampionsLeague. Kein „aber“, kein „wenn“, kein „vielleicht“.
Am Montag wählt der Verein einen neuen Präsidenten. Die Wahl ist die letzte Rettungsleine für die Außenwahrnehmung. Intern ist längst klar: Solange Ilzer das Training bestimmt, solange Kramarić trifft und solange die Gegner Angst vor dem Hoffenheimer Tempo haben, ist der Klub immun gegen Krisen. Die Saison endet am 34. Spieltag, nicht auf dem Arbeitsgericht.
Die Bundesliga lernt gerade eine neue Regel: Chaos schadet nur, wenn man aufhört, Tore zu schießen. Die TSG schießt weiter. Wer sich darüber wundert, hat das Spiel nicht verstanden.
