Gretzky netzte zum 1072. mal – und wusste nicht, dass es seine letzte bombe war
Am 29. März 1999 schlenzte Wayne Gretzky den Puck ins Gehäuse der Islanders, lächelte wie so oft und schob die Zahl auf 1072. Keiner ahnte: Das war das Ende. Kein letztes Spiel, keine Abschiedstour, nur ein dumpfer Check gegen die Bande, ein Schlittschuh, der kurz hochrutschte, und dann – Stille. Die NHL hatte ihren unerreichbaren Rekord, Gretzky seine Punktlandung, New York ein 3:1 im Stadtderby. Die Geschichte hatte ihren perfekten Abschluss geschrieben, ohne Drehbuch, ohne Kamera, ohne Tränen.
Wie ein faden riss nach 20 jahren die serie ab
Gretzkys erster Treffer datiert vom 15. Oktober 1978, Indianapolis Racers, WHA, 17 Jahre alt, Helm noch zu groß. Zwischen diesem Abend und seinem 1072. Goal liegen 7726 Tage, 1484 Spiele, neun Komapass-Tore, drei Trade-Blockaden, zwei Dynasty-Wechsel und ein Haarschnitt, der nie wirklich modern wurde. Die Zahl 1072 steht heute noch – trotz Ovechkins Jagd, trotz McDavids Turbo, trotz Jahreslöhnen, die früher ganze Farmteams ausmachten. Die Liga hat die Torjäger gedreht, die Schoner verkleinert, das Tor um sieben Zentimeter verschoben – doch die Marke hält wie vereistes Carbon.
Gordie Howe hatte 1071 geschafft, von 1946 bis 1980, mit Unterbrechung für zwei Rentnerjahre und einem Sohn, der ihm auf dem linken Flügel half. Gretzky überholte ihn also nicht um zehn oder fünfzig, sondern um exakt eins. «Howe ist mein Idol», sagte er nach dem Spiel, «ich hab nie behauptet, besser zu sein.» Die Ehrfurcht war echt, die Konkurrenz auch. Howe selbst stand im Madison Square Garden, wedete mit einer Hand, hielt die andere in der Jackentasche, weil seine Finger nach 25 Operationsnarben nicht mehr richtig warm wurden. «Gratulation, Kid», sagte er, «nun bist du dran, dich zu verabschieden.»

Die nacht, in der die rangers jubelten und niemand die bombe sah
Die Rangers lagen 2:1 vor, als Gretzky in der 52. Minute die Scheibe nahm, kurz antanzte und die Kelle durch die Schoner von Wade Flaherty schob. Die Mauer aus 18.200 Stimmen brach in ein Brummgeräusch, das wie ein Tunnel klang. Dann war Ruhe. Kein Feuerwerk, keine Videobotschaft, nur der typische MSG-Blues-Song zwischen den Drittelpausen. Gretzky selbst hob die Stockspitze, kaum höher als seine Hüfte. Er wusste, dass Rekorde keine Lärmscheinwerfer brauchen, sondern Zeit.
Was er nicht wusste: Die linke Hüfte pochte seit Wochen, die Adduktoren zogen sich bei jedem Bogen wie altes Gummi. Im Sommer würde er Operntermine vereinbaren, im September das Training abbrechen, im Oktober verkünden, dass die Schmerzen bleiben. 1072 war nicht nur Bestmarke, sondern auch Abschlusszeugnis. «Ich hab noch nie ein Tor gefeiert, das gleichzeitig ein Abschied war», sagte er später, «aber die Scheibe war schneller als meine Gedanken.»
Heute, 27 Jahre danach, jagt Alex Ovechkin mit 895 Treffern die 1000-Marke, doch die 1072 wirft einen langen Schatten. Selbst wenn ein Spieler alle 82 Partien der Saison 40 Tore schießt, braucht er 27 Jahre, um Gretzky einzuholen. Die Liga hat die Regular Season auf 84 Spiele erweitert, die Torhüter sind kleiner geworden, die Schoner größer – aber die Distanz bleibt. Die Statistik nennt das «unteilbar», die Fans nennns es «Gretzky», und die Eishockey-Welt nennt es einfach «Ende».

Die trophäe steht in toronto, das tor im gedächtnis
Die Scheibe aus jenem Abend hängt in Torontos Hockey Hall of Fame, neben dem Stock, mit dem er sie schlenzte. Die Farbe ist ausgeblichen, das Logo der Islanders kaum noch sichtbar. Trotzdem wirkt sie größer als alle anderen, weil sie das letzte Tor der größten Karriere trägt. Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden, sagt man. Bei Gretzky gilt das nicht. 1072 ist keine Zahl mehr, es ist eine Wand. Und wer sie einreißen will, braucht nicht nur ein Titanenhandgelenk, sondern auch ein paar Jahrzehnte, in denen das Eis nicht schmilzt.
