Gold-rausch trotz tauwetter-chaos: deutschlands juniorinnen retten die wm-hoffnung
Die deutschen Biathlon-Juniorinnen haben sich mit Gold in der Staffel selbst das versöhnliche Ende geschrieben, das ihre Coaches schon abgeschrieben hatten. Nach einer Woche voller Materialpanne, Krankheit und Schneematsch im Bayerischen Wald war das Finale ein Schlag in die Tasten der Zweifler.
Die bilanz: ein fünkchen gold, ein haufen fragen
Mark Hoffmann, Disziplin- und Nachwuchskoordinator des DSV, spricht es offen aus: „Wir haben zu viel am Schießstand liegengelassen.“ Nur zwei Medaillen für das komplette Aufgebot – Bronze für Sydney Wüstling und eben jenes Staffel-Gold –, das reicht nicht für den Anspruch, den der Verband formuliert. Die Jungen gingen leer aus, zwei Athleten fehlten krankheitsbedingt oder lieferten unter Temperaturen von plus zehn Grad ab, was ihre Lungen hergaben.
Die Servicemannschaft geriet ins Schwitzen. Tauwetter bedeutet: weicher Belag, Schnee, der sich unter den Ski zu Klumpen ballt, Laufrhythmus, der bröckelt. „Die deutschen Techniker haben am Anfang keine Antwort gehabt“, stellte ARD-Reporter Christian Dexne trocken fest. Wer denkt, dass Nachwuchsrennen ein Nebenschauplatz sind, unterschätzt den Einfluss von Wachs und Struktur – und die Nerven der Athleten.

Sydney wüstling: mit 17 schon zu alt für die jugend
Leni Dietersberger, Melina Gaupp, Johanna Lehnung und Schlussläuferin Sydney Wüstling – alle Jahrgänge 2007/08 – schaufelten sich in 1:11:45,9 Stunden durch vier Gänge, verwandelten acht zusätzliche Patronen in Sicherheit und ließen Frankreich und Norwegen stehen. Wüstling, die am Dienstag wieder in Oberhof die Schulbank drückt, schoss in der letzten Runde sauber und fuhr in der Zielgerade die Konkurrentinnen weg. „Das war kefällig“, sagt sie selbst, als hätte sie gerade nur die Hausaufgaben erledigt.
Ihre Bronze vom Sprint hatte schon gezeigt: Sie kann mit den Älteren, aber auch mit dem Druck. In einem Alter, in dem andere TikTok-Trends hinterherjagen, sprintet sie vor 3 000 Zuschauern durchs Ziel – und bleibt dabei so ruhig, als würde sie nur den Biathlon-Lehrer fragen, ob sie ihm den Kugelstift zurückgeben darf.

Männerstaffel ohne medaille – und mit hausaufgaben
Bei den Jungen lautete die Devise: Laufen, bis der Arzt kommt. Lukas Tannheimer, Bruder von Julia Tannheimer, fuhr Platz zehn im Sprint heraus, war läuferisch vorn, versenkte aber zu viele Patronen neben der Scheibe. Korbi Kübl, sonst ein Sicherheitsgarant, erwischte einen Magen-Darm-Infekt und wurde 25. im Einzel. Karl Schütze lief mit Grippe, was man ihm ansah. „Wir waren ein Stück weit gebeutelt“, sagt Hoffmann und klingt dabei, als wolle er gleich ein Krankenhaus bauen.
Der Verband will künftig früher internationale Erfahrung, mehr Weltcup-Starts, weniger Kurzstreckenrennen im Alpencup. Die Lehre: Ein Nachwuchs, der nur im warmen Schnee daheim trainiert, ist auf Tauwetter nicht vorbereitet. Die zweite Lehre: Ein einzelner Star reicht nicht, wenn dahinter die Breite fehlt. Hoffmann spricht von „Top-Ten-Dichte“ – ein Begriff, der klingt, als wolle er aus der deutschen Pipeline endlich wieder ein Rohr machen, durch das mehr als nur ein Goldfisch schwimmt.
Die Staffel der Juniorinnen war ein Happy End, das niemand mehr erwartet hatte. Die Frage ist nur: Wie viele solcher Enden verträgt der deutsche Biathlon, bevor das Tauwetter wieder zuschlägt? Die Antwort liegt auf der Loipe – und auf dem Schießstand, der Deutschland so verdammt viele Medaillen gekostet hat.
