Italiens paralympics-armada schreibt geschichte: vier podeste in einem tag
Sie schlugen ein wie ein Blitz über den Alpen: Innerhalb von nur wenigen Stunden hat das italienische Paralympics-Team in Mailand-Cortina vier Medaillen geholt und dabei den alles überstrahlenden Rekord von Innsbruck '88, Nagano '98 und Salt Lake City 2002 pulverisiert. Sechs Goldene – mehr waren es nie, und die Spiele laufen noch zwei Tage.
Das banked-slalom-duo fegt alle fort
Emanuel Perathoner rast im SB-LL2 wie eine Kanonenkugel durch die Wellen von Cortina, lässt den Schweizer Gmur stehen, den Franzosen Chabot alt aussehen. Sekunden später donnert Paolo Priolo im SB-UL mit fast 70 km/h über die Steilkurve – seine Konkurrenten sehen nur noch Schneestaub. Doppelschlag, doppeltes Gold. „Wir haben nicht einfach nur verteidigt, wir haben attackiert“, sagt Perathoner, noch atemlos, dabei hatte er nach Run 1 bereits 1,8 Sekunden Vorsprung – eine Ewigkeit im Slalom.
Die Stimmung im Zielhang kippt von Jubel in Raserei, als das Duo den alten Rekord von drei Goldmedaillen pro Winterspiele auf sechs hochschraubt. Pyeongchang 2018? Zweimal Gold. Peking 2022? Zweimal Gold. Jetzt folgt der Quantensprung.

De silvestro räumt daheim ab, bertagnolli kämpft bis zur letzten zehntelsekunde
René De Silvestro kennt jede Schneekante der Tofana. Der Südtiroler, seit einem Motorsportunfall vor dreizehn Jahren im Rollstuhl, jagt im Sit-Ski-Giganten mit einer Geschwindigkeit, die selbst für able-bodied-Fahrer atemberaubend wirkt. 2:13.45 Minuten – keine Gefahr, keine Ermüdung, nur pure Wut auf das Schicksal, umgeschmolzen in Gold.
Minuten später steht Giacomo Bertagnolli mit verbundenen Knien an der Startpforte. Der AS3-Spezialist mit zwölf Paralympics-Medaillen in der Vitrine muss sich nach einer irre schnellen ersten Laufzeit dem alten Rivalen Aigner aus Österreich geschlagen geben – 34 Hundertstel trennen Helden vom Silber. „Knie kaputt, Herz voll“, sagt er nur und tapst zurück zur Mixed-Zone, wo ihn Tomba und Compagnoni abfangen.

Tomba und compagnoni feiern mit, die zahlen sprechen für sich
Alberto ‚La Bomba‘ Tomba schmunzelt: „Ich habe schon nach den Olympischen Spielen gesagt, wir sollten Sanremo verschieben und direkt hierbleiben.“ Deborah Compagnoni nickt: „Diese Geschichten sind die beste Antidoping-Kampagne – keine Chemie, nur Willenskraft.“
Die Statistik ist gnadenlos: 14 Medaillen insgesamt, sechs Gold, vier Silber, vier Bronze. Noch zwei Tage, noch drei Bewerbe im Biathlon und im Langlauf. Das bisherige Maximum: 13 Medaillen in Lillehammer '94 – ohne ein einziges Gold. Das Projekt „Virtuous Path“, das nach der Nullnummer von Sotschi 2014 begann, hat sich in eine Goldmaschine verwandelt.
Und während in Norwegen die Delegation mit einer Medaille weniger nach Hause fuhr, feiert Italien den emotionalsten Winter seit 1956. Wer jetzt noch sagt, Paralympics seien ein Nischensport, hat offensichtlich nicht mitbekommen, wie Perathoner und Priolo die Kurve kratzen – und wie eine ganze Nation mitfiebert.
