Alkohol, 3,25 promille, chaos: als zebec den hsv betrunken ins aus schoss
19. April 1980, 14.15 Uhr, Dortmund. Der Hamburger SV stolziert zum warmen Machen in den Westfalenstadion-Tunnel – nur der Chef feiert schon vorneweg. Branko Zebec sackt aus dem Mannschaftsbus, die Brille rutscht, die Stimme ist ein Flickenteppich. „Betrunkene kommen hier net rein“, bellt der Ordner. Sekunden später steht trotzdem ein Manager vor der Kabinentür, der sich selbst nicht mehr auf die Reihe kriegt. Was folgt, ist kein Fußballspiel, sondern ein Live-Krimi über Entzug, Machtverfall und den Tag, an dem ein Meistertrainer seine Karriere am Flaschenhals zertrank.
Der mythos bröckelt zwischen zwei jugendspielen
Zebec hatte den Bus eigentlich schon in Hamburg verpasst. Statt mit der Mannschaft startete seine Odyssee in einem Mietwagen, 60 Kilometer vor Dortmund stoppten ihn Schleierfahnder. 3,25 Promille – ein Wert, der selbst hartgesottene Revierpolizisten blinzeln lässt. Führerschein weg, Taxi ins Hotel, erste Lagebesprechung mit dem Zimmerservice. Früh am Spieltag wirkte er laut Günter Netzer „brillant“ in der Videoanalyse – doch spätestens beim Blick aus dem Kabinenfenster wusste jeder, dass der Mythos Branko Zebec gerade live implodiert.
Lattek, sein Gegenüber auf der BVB-Seite, reichte zur Begrüßung die Hand – Zebec packte sie mit beiden Pranken, ohne den Kollegen anzugucken. Die Kameras fokussierten den Mann, der einst mit Bayern München das Double holte und den HSV zur Meisterschmiede umformte. Jetzt saß er wie ein Schuljunge auf der Ersatzbank, klatschte ins Leere, wenn der Gegner traf, und rutschte bei jedem zweiten Tor zur Seite. Als Hamburg 2:0 in Führung ging, versuchte er zu applaudieren – die Hände trafen sich nicht mal mehr in der Luft. Die Bilder gingen um die Welt, die dpa schrieb vom „Rausch vor 50 000 Zeugen“.

Der assistent übernimmt, der präsident lügt
Es war Alex Ristic, der Zebec in der Pause in die Kabine führte. Der Coach keuchte nur: „Ich kann net mehr.“ Netzer schickte Ordner, stellte ihn ab, trat vor die Presse: „Unser Trainer fühlt sich körperlich schlecht.“ Dr. Wolfgang Klein, HSV-Präsident, schob es am Abend im ZDF auf eine Bauchspeicheldrüse – die halbe Republik ahnte, dass da jemand die Diagnose Alkoholkrankheit umschifft. Drei Tage später gestand Zebec selbst: Zuckerkrank, zehn Jahre nach OP, ein Bier reiche für den Kollaps. „Ich bin kein Alkoholiker“, beteuerte er – und kippte weiter, weil die Tabletten gegen die Schmerzen in Jugoslawien vergessen worden waren.
Die Spieler applaudierten höflich, intern war das Konto leer. Als er nach dem Finale gegen Nottingham Forest den Profis ein Frustbier verbat („Mit Betrunkenen trainiere ich net“), kippte die Stimmung endgültig. Im Dezember flog er raus, Netzer zog Bilanz: „Am meisten tut mir weh, dass ich Branko nicht retten konnte.“ Ironie der Geschichte: Sein nächster Arbeitgeber in der Bundesliga war Borussia Dortmund – jene Arena, die sein Drama live übertragen hatte.
Heute, 46 Jahre danach, erinnert sich kaum ein Stadionarbeiter mehr an das 2:0. Jeder aber kennt die Geschichte vom Trainer, der mit 3,25 Promille versuchte, Taktik zu skizzieren – und stattdessen der Bundesliga ihren dunkelsten Kultmoment lieferte. Ein Spiel, das keiner gewann: weder der HSV, noch der BVB, schon gar nicht Branko Zebec. Die Niederlage zählte 2:0, doch die wahre Zahl hieß 3,25 – und die machte History.
