Gattuso zieht notbremse: chiesa fällt raus, italiens playoff-plan droht zu kollabieren
Die «operazione ripescaggio» wird zur Schlammschlacht. Gennaro Gattuso musste am Montagabend beim Blick auf seine Notizliste bereits fünf Namen durchstreichen – nun folgt der sechste, und er trägt die Nummer 10. Federico Chiesa, erst zurück nach 21 Monaten Abstinenz in den Kader berufen, verlässt nach 48 Stunden Coverciano wieder, die rechte Wade geschwollen, das Comeback geplatzt. Italiens Hoffnung auf eine schnelle WM-Ticket-Rettung schrumpft mit jedem Schritt des Flügelstürmers Richtung Ausgang.
Der kreis der verletzten wird zur lawine
Die Azzurri treten am Freitag in Belfast gegen Nordirland an, im Finale der Playoffs winkt Wales oder Bosnien – doch vor dem ersten Pass liegt das Lazarett. Marco Verratti fehlt, Giovanni Di Lorenzo, Alessio Leoni, Nicolò Rovella und Mattia Zaccagni sind außer Gefecht. Chiesa nun als prominentester Ausfall. «Das ist kein Pech mehr, das ist ein Muster», sagt ein Betreuer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sechs Profis in einer Woche – so viel Eigengewächsverlust hatte keine italienische Auswahl seit der EM 2004.
Die medizinische Abteilung der Nazionale verkündete das Aus formell in zwei trockenen Sätzen. Der Liverpool-Flügel habe «nach eingehender Untersuchung» keine Einsatzbereitschaft signalisiert, das Lauftraining am Montag wurde abgebrochen. Gattuso reagierte sofort: Er rief Nicolò Cambiaghi aus Bologna, 23 Jahre, vier Tore und sechs Assists in dieser Saison, bisher ein Länderspiel – jene 180 Sekunden gegen Israel im Oktober, als er für Retegui hereingeschickt wurde. Ein Ersatz mit Frische, aber ohne internationale Reife.

Die zahlen sprechen gegen italien
Seit dem 1:0-Sieg über Bosnien im November 2023 verlor die Squadra Azzurra jedes zweite Pflichtspiel. Die Defensive kassierte neun Gegentore in den letzten fünf Partien, mehr als in der kompletten Qualifikation zur WM 2022. Ohne Verrattis Balleroberung und ohne Chiesas Direktsprint fehlen zwei Elemente, die Gattusos 4-2-3-1 am Leben halten. Der Coach experimentierte zuletzt mit ungewohnt tiefem Mittelfeld, doch die Automatismen stottern. «Wir müssen kleiner werden, kompakter, aber das kostet Nerven», sagte er nach dem Abschlusstraining.
Die Fans reagieren mit schwarzem Humor. In den sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von San Siro – halb leer, dazu der Spruch: «Playoff-Karten sind jetzt Sonderangebot, kommt mit Krankenschein.» Dahinter steht Angst. Das letzte Mal, als Italien eine Playoff-Runde verlor, 2017 gegen Schweden, blieb die WM aus. Die Geschichte droht sich zu wiederholen.
Gattuso hat 72 Stunden, um aus dem Notkader eine Mannschaft zu formen, die nicht nur läuft, sondern glaubt. Die Aufstellung wird jung: Cambiaghi links, Frattesi als dynamischer Achter, Scamacca allein vorne. Die erfahrene Achse um Bonucci und Chiellini gehört der Vergangenheit an – das ist das neue Italien, ob es will oder nicht. Der Siegeswille bleibt, aber die Ressourcen schrumpfen. In Belfast zählt nur ein Ergebnis, sonst wird der Traum vom Turnier in Amerika zur Wintergeschichte.
Am Ende dieses maroden Aufgebots steht eine Erkenntnis: Wer nicht mal gesund in die Playoffs startet, braucht mehr als Kampfgeist, um die Tür zur WM einzutreten. Die Zeit heilt Wunden – aber keine Kaderlücken.
