Deutschland: familien-trupp beim wm-trainingslager – nagelsmann ahnt die geschichte
Dallas, Texas – Julian Nagelsmann hat sich in den USA ein ungewöhnliches Trainingslager für die deutsche Nationalmannschaft einberufen. Doch es ist nicht nur das intensive Programm, das auffällt, sondern auch die ungewöhnlich hohe Anzahl an Familienangehörigen, die das Team unterstützen. Ein Schachzug, der auf den ersten Blick überrascht, aber eine tiefere Bedeutung haben könnte.

Die schatten von 1994: ein trauma, das die dfb-elf verfolgt
Die Erinnerung an die WM 1994 in den USA ist in deutschen Fußballkreisen noch immer präsent – und schmerzhaft. Damals scheiterte die als Titelanwärter gehandelte Mannschaft im Viertelfinale an Bulgarien, und die internen Streitigkeiten, verschärft durch die Anwesenheit einiger Ehefrauen, trugen maßgeblich zum Desaster bei. Die damalige Situation, in der einige Spielerinnen forderten, mit dem Team zu übernachten und zu essen, führte zu einem regelrechten Aufruhr und belastete das Team zusätzlich. Rudi Völler, damals Stürmer und heute Teamchef, erinnert sich noch lebhaft an die hitzigen Diskussionen zwischen den „Mädchenjägern“ und den Befürwortern einer strikten Trennung.
Nagelsmann scheint aus dieser Geschichte gelernt zu haben. Anders lässt sich die aktuelle Entscheidung nicht erklären, nahezu alle Familienmitglieder – Ehefrauen, Kinder, sogar Eltern – zum Trainingslager in die USA zu begleiten. Die Bilder von Lena Nagelsmann, die auf einem Gravelbike hinter ihrem Mann herrast, während dieser versucht, wieder aufzuholen, sind dabei symptomatisch für die entspannte Atmosphäre, die der Bundestrainer zu schaffen sucht.
Auch die Tatsache, dass Nagelsmanns Mutter, Burgi, ihr Sohn beim Spiel gegen Houston aus der ersten Reihe unterstützte, zeugt von einer offenen und familiären Atmosphäre im Team. Ein doppelter Schutzschild, sozusagen, für den Bundestrainer.
Die DFB-Elf scheint sich in dieser ungewöhnlichen Umgebung sichtlich wohlzufühlen. Die Frauen und Kinder verbringen die Nächte in den Unterkünften des Nationalteams, ein Privileg, das nach dem erfolgreichen Debütspiel wohl als Zeichen der Anerkennung und zur mentalen Entlastung gewertet werden kann. Es ist eine bewusste Strategie, die bereits 2014 in Brasilien erfolgreich eingesetzt wurde, als die Spielerinnen und Partnerinnen in einem abgelegenen Camp am Meer untergebracht wurden, das nur durch eine Fähre erreichbar war.
Doch was steckt wirklich hinter diesem ungewöhnlichen Vorgehen? Ist es lediglich ein Mittel zur Entspannung und Stärkung der Team-Bindung, oder steckt mehr dahinter? Die Antwort liegt vielleicht in der Erkenntnis, dass die Unterstützung und Nähe der Familie eine entscheidende Rolle für die Leistung der Spieler spielt. Wie Kimmich bei der EM mit seinen Kindern in der Mixed Zone gezeigt hat, können die Liebsten eine wichtige Stütze sein und die Spieler mental stärken.
Die deutsche Nationalmannschaft spielt mit der Familie, um die WM zu gewinnen. Ein riskantes Spiel, das aber durchaus aufgehen könnte. Denn letztendlich geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Spieler wohlfühlen und ihr volles Potenzial entfalten können – und das gelingt nur, wenn sie wissen, dass ihre Familien hinter ihnen stehen.
